Re: Warum die Steinzeiternährung Blödsinn ist

Auf Urgeschmack.de hat Felix Olschewski ein kurzen Beitrag zum Thema Steinzeiternährung (oder auch „Paleo Diet“ oder eingedeutscht „Paläoernährung“) veröffentlicht. Zu den einzelnen Punkten beziehe ich in diesem Beitrag Stellung und argumentiere dagegen. Hier das Video:

Es gibt keine Steinzeiternährung

Felix spricht hier die geographische Verschiedenheit von Ernährungsverhalten an. Selbstverständlich hat man im Regenwald andere Nahrung jagen und sammeln können, als in den tiefen des eiszeitlichen Europas. Das ist zunächst berechtigte Begriffskritik.

Steinzeiternährung als Begriff muss erstmal korrekt definiert werden. Dass aber nicht jeder Mensch sich gleich ernährt hat, heißt nicht, dass es nicht einen gemeinsamen Nenner gibt. Diese Kritik ist nicht konsequent verfolgbar:

  1. Patrick isst viel Rind, viel Gemüse, moderat Obst, verträgt aber keine Nüsse
  2. Julia isst dagegen vor allem Ziegenfleisch, jede Menge Obst und moderat Gemüse. Nüsse verträgt sie nicht gut, aber dafür isst sie regelmäßig Eier.

Intuitiv kann jeder der Paleogemeinde beiden grünes Licht geben. Doch beide ernähren sich unterschiedlich. Patrick eher kohlenhydratarm, Julia dagegen durch das Obst deutlich mehr Kohlenhydrate. Wenn man sie in Gedanken an verschiedene Teile der Erde setzt, werden sich die Sorten von Obst und Gemüse sogar erheblich unterscheiden.

Trotz dieser Unterschiede gibt es Gemeinsamkeiten. Beide ernähren sich hauptsächlich von unverarbeiteten Produkten, die man mit vertretbaren Aufwand gejagt oder gesammelt hätte. (Das ist kein Definitionsvorschlag)

Beim Begriff der Steinzeiternährung muss man vor allem darauf achten, wie man ihn definiert. Er darf nicht zum Korsett werden, aber auch nicht zu weit. (Klingt erstmal trivial, aber auch dafür lassen sich gute Kriterien finden)

Man kann auch mit Ausschlusskriterien anfangen. Das heißt, dass man sich fragt, was nicht in der Ernährung eines Jägers und Sammlers enthalten sein kann, z.B.:

  • Getreide, weil kein Ackerbau vorhanden war
  • Milch, weil keine Viehzucht vorhanden war
  • Zucker, weil keine Raffinierungsmethode zur Verfügung stand

Der Einwand lautet also: Nur weil es Verschiedenheiten gab, heißt das nicht, dass es nicht auch wesentliche Gemeinsamkeiten in der Ernährung gab. Diese wesentlichen Gemeinsamkeiten machen dann das „paleo“ der Ernährung aus.

Wir vermuten nur, was Steinzeiternährung ist

Das ist ein Kritikpunkt, der die Erkenntnismöglichkeit in Frage stellt. Doch die Rekonstruktion der vergangenen Jäger und Sammler ist nicht das einzige Erkenntnismittel. Nach Cordain (1) sind es diese vier:

  1. Ernährung anderer Primaten
  2. Fossile Funde
  3. Ethnographie/Anthropologie
  4. Untersuchung des aktuellen Stoffwechsels

Ich gebe jeweils ein kurzes Beispiel für jeden dieser Möglichkeiten:

  1. An unseren nächsten Verwandten hat man die Expensive-Tissue-Hypothese plausibel gemacht. Am Verbrauch pro Gewicht gemessen haben wir die gleiche Stoffwechselrate wie andere Primaten. Unser Gehirn ist jedoch wesentlich größer und unser Gedärm dagegen wesentlich kleiner. Daraus kann man ableiten, dass wir unserer Gehirn auf Kosten unserer Verdauungsfähigkeit entwickelt haben. So müssen wir auf energiereichere und leichter verdauliche Kost umgestiegen sein, damit wir uns den kurzen Darm auch leisten konnten. Fleisch, Gehirn, Knochenmark. Das sind aussichtsreiche Kandidaten. So kann man sagen, dass wir uns im Vergleich zu Primaten zu einem größeren Anteil von Fleisch ernährt haben müssten.
  2. Drucker et al. (2) untersuchten den fossilen Fund einer Frau aus Magdalenien aus dem Magdalénien1. Ihre Ernährung bestand mindestens zu 68% aus dem Fleisch großer Pflanzenfresser (Bovidae). Zusätzlich wurden noch Anteile von Saiga, Rentier und Pferd festgestellt, deren Gewichtung aber nicht eindeutig vorgenommen wurde. Es scheint so, dass zumindest diese Frau eindeutig Carnivore gewesen war. Besonders interessant ist das, weil die Datierung relativ jung ist: 15780 +- 200 BC.
  3. Cordain et al. (3) haben 229 Jäger- und Sammlerkulturen untersucht. Dabei haben er folgende Makronährstoffverteilung ermittelt:
    • Protein : 19–35%
    • Fett : 28–58%
    • Kohlenhydrate : 22–40%
  4. Drago et al. (4) haben herausgefunden, dass der Mechanismus hinter der Glutenunverträglichkeit (Zöliakie) auch bei nicht Zöliakiekranken durch das Weizenprotein wirksam ist. Das macht es plausibel, dass wir noch langen nicht an den Getreidekonsum angepasst sind.

Es gibt also reichlich Möglichkeiten eine Steinzeiternährung zu rekonstruieren. Doch es geht nicht darum diese einfach zu rekonstruieren und dann zu imitieren. Dazu mehr im nächsten Punkt.

Wir leben nicht mehr in der Steinzeit

Unsere Umwelt habe sich verändert, weswegen die Ernährung der Steinzeit nicht mehr angemessen sei. Doch genau das ist der Kritikpunkt der Steinzeiternährung. Wir haben uns eine Umwelt geschaffen, die unser genetischen Anlage nicht angemessen ist. Der Schritt zurück zur Steinzeiternährung ist eines der Mittel wieder eine Umwelt für unseren Körper zu schaffen, für die er auch angelegt ist. Der zweite Schritt ist das eben die Bewegung ins Leben zu holen, die ihm fehlt.

Darüber hinaus geht es auch nicht darum, die Steinzeiternährung zu imitieren. Vielmehr geht es darum die Prinzipien des steinzeitlichen Lebens auf unsere moderne Kultur zu übertragen und nutzbar zu machen. So ersetzt man die Treibjagd auf das Mammut durch ein ordentliches Sportprogramm und geht dann zum Fleischer um seine Beute nach Hause zu bringen.

In 10000 Jahren können wir uns anpassen

Felix nennt zwei Anpassungserscheinungen der jüngeren Zeit:

  1. Laktosetoleranz
  2. Amylase (zur Verdauung von Stärke)

Es wäre schlicht sachlich falsch zu sagen, dass wir uns innerhalb der letzten 10000 Jahre genetisch nicht verändert hätten. Gerade am Beispiel der Laktosetoleranz sieht man jedoch die Lücken dieses Arguments. Der Großteil der Weltbevölkerung ist laktoseintolerant. Die Laktosetoleranz ist also eigentlich eine Ausnahme. Das vergessen wir in Europa oft. Das Casein einiger Kühe steht auch in Verdacht „opiotastische“ Probleme zu verursachen. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass Milch bei mir meine Pollenallergie erheblich verstärkt. Anekdotisch ist die allergene Wirkung von Milch weit verbreitet in der Paleogemeinschaft.

Die eigentliche Schwäche des Arguments liegt darin, dass hier nur irgendwelche Anpassungserscheinungen erwähnt werden. Im Verlaufe einer Trunksucht passt sich die Leber auch der erhöhten Anforderung der Entgiftung an. Das heißt aber nicht, dass Alkohol auf einmal zu einem guten Lebensmittel wird. Dieses Beispiel verläuft sogar ganz parallel zum Beispiel der Laktose. Im Gegensatz zu den Asiaten können wir Milch und Alkohol besser vertragen, weil wir eine erhöhte enzymatische Kapazität zur Entgiftung haben. Das heißt aber nicht, dass Milch oder Alkohol zu guten Lebensmitteln werden. Nur, dass wir die Kosten gesenkt haben.

Milch und Getreide sind tatsächlich manchmal Grundnahrungsmittel

Der Punkt ist etwas komplizierter.

„Evolution belohnt optimale Fitness und nicht optimale Gesundheit“

Das ist völlig unbestritten. Doch haben wir uns über viele Jahre in einer Umwelt entwickelt, in welcher Gesundheit ein wichtiger Selektionfaktor war (unsere Evolution ist interessanter Weise genauso lang, wie die aller Lebewesen, nämlich mindestens 3,5 Milliarden Jahre). Gesundheit war ein wichtiger Aspekt unseres Überlebenswertes. Heute ist dieser Zusammenhang sehr viel loser als damals. Zweifellos ist unsere heutige Ernährung auch Teil unserer Evolution. Die Evolution macht keine Pause. Nur sind heute andere Selektionfaktoren entscheidend.

Doch wenn wir uns genetisch kaum von den Steinzeitmenschen unterscheiden und damals Gesundheit ein zentraler Faktor für den Überlebenswert war, dann sollten wir unsere Gene und die damalige Umwelt wieder in einen aktualen Zusammenhang bringen. Mit anderen Worten, wir sollten uns die Prinzipien der steinzeitlichen Lebensführung aneignen um zu einer robusten Gesundheit zu finden.

Wie seht ihr das? Findet ihr die Steinzeiternährung plausibel oder eher Blödsinn?

Anmerkungen

Ich gehe davon aus, dass Felix selbst gegen diese Punkte Argumente zu Felde führen wird. Ich rate dringend sich Felix Seite Urgeschmack.de anzusehen, bevor er auf Basis dieses Beitrags Felix Standpunkt Unrecht tut.

Nachtrag (2013-05-31-08:37): Meine Vermutung hat sich bewahrheitet: 5 Gründe, warum die Steinzeiternährung großartig ist.

Wer sich für die steinzeitliche Küche interessiert, kann sich Felix‘ Buch über Amazon bestellen.2

Literatur

(1) Cordain, L. & Friel, J. (2009). Das Paläo-Prinzip der gesunden Ernährung im Ausdauersport. Betzenstein: Sportwelt Verlag.

(2) Drucker, D. G. & Henry-Gambier, D. (2005). Determination of the dietary habits of a Magdalenianwoman from Saint-Germain-la-Rivière in southwestern France using stable isotopes. Journal of Human Evolution, 49(1), 19-35.

(3) Cordain, L., Miller, J. B., Eaton, S. B., Mann, N., Holt, S. H., & Speth, J. D. (2000). Plant-animal subsistence ratios and macronutrient energy estimations in worldwide hunter-gatherer diets. Am J Clin Nutr, 71(3), 682-92.

(4) Drago, S., El Asmar, R., Di Pierro, M., Grazia Clemente, M., Sapone, A. T. A., Thakar, M., Iacono, G., Carroccio, A., D’Agate, C., Not, T., Zampini, L., Catassi, C., & Fasano, A. (2006). Gliadin, zonulin and gut permeability: Effects on celiac and non-celiac intestinal mucosa and intestinal cell lines. Scandinavian Journal of Gastroenterology, 41(4), 408-419. http://informahealthcare.com/doi/abs/10.1080/00365520500235334


  1. Vielen Dank an Cordula P. Sie hat mich darauf hingewiesen, dass Magdalénien eine Kulturstufe und kein Ort ist. 

  2. Affiliate-Link. Ich bekomme eine Kleinigkeit von Amazon, wenn ihr über meinen Link bestellt. 


5 Reaktionen

  1. at |

    Für mich war die evolutionäre Begründung von Anfang an – ähm – nicht so überzeugend. Was mich aber überzeugt hat, sind die wissenschaftlich nachgewiesenen Gründe gegen den Verzehr von Getreide, Zucker und mehrfach ungesättigten Pflanzenfetten. Noch mehr überzeugt hat mich der Selbstversuch. Es geht mir einfach gut damit!

    Reply
    1. Sascha Fast at |

      Hallo Christine, vorher müssten wir klären, was eine wissenschaftliche Begründung ist. :) Naja, auch ohne das geklärt zu haben: Der Selbstversuch hat auf der einen Seite erstmal das Primat. Wenn es dir damit gut geht, dann ist das erstmal unbestreitbar. Ein Problem sehe ich, dass der Eindruck „es geht mit gut“ normalerweise im Vergleich des Erlebten entsteht. Wenn ich dir jetzt die magische Gesundheitspille gebe, dann wirst du erst dann wieder sagen, dass es dir gut geht, wenn du sie wieder kriegst. So halte ich es auch mit Paleo. Paleo ist der beste Anfang, den ich kenne, wenn man seine Ernährung bewusst gestalten will. Ab dann kann man aber noch ein ganzes Stück weitergehen. Siehe als Beispiel die Perfect Health Diet von Jaminet und Jaminet.

      Eine gute Theorie (Paleo z.B.) muss verschiedenster Prüfung stand halten. Ich denke, dass du das mit wissenschaftlich nachgewiesen meinst. Da sind wir einer Meinung.

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