Der Lebenskompass

Der Lebenskompass ist ein Werkzeug, um dir Orientierung im Leben zu schaffen. Wie ein gewöhnlicher Kompass zeigt er die eine Richtung im Leben an, sodass du weißt, wohin die Reise geht.

Während der gewöhnlich Kompass sich an Nord- und Südpol ausrichtet, richtet sich dein persönlicher Lebenskompass an deinem Willen und deinem Glauben aus.

Der Lebenskompass

Traum

Der Traum steht für das kollektive Unterbewusste. Das kollektive Unterbewusste ist ein Begriff aus der analytischen Theorie von Jung und meint eigentlich nicht viel: Die Grundformen für unsere Psyche sind bereits in uns angelegt und nicht erlernt. Es ist also lediglich eine milde Erweiterung davon, dass wir Menschen mit Entwicklungsprogrammen, Grundemotionen und Instinkten geboren werden. Dabei ist nicht gemeint, dass man den Kopf eines Menschen aufbrechen kann und dann im Gehirn die große Mutter, den Helden oder den Animus findet. Diese Denkweise basiert auf der primitiven Annahme, es müsse direkte und reduzierbare Korrelate von mentalen Inhalten und Gehirnstrukturen geben. Mentale Phänomene ergeben sich aus der gesamten Komplexität des Gehirns. Wenn ich beispielsweise ein bestimmtes Gefühl habe, muss ich mehr als nur mein “Gefühlszentrum” des Gehirns verstehen oder irgendwelche Neurotransmitter. Schließlich spielen meine Erfahrungen, bewussten und unbewussten Erinnerungen und mein körperlicher Zustand eine entscheidende Rolle dabei.

Das kollektive Unterbewussten ist ein umfassendes Erklärungsmodell dafür, dass es kulturübergreifende psychische Formen gibt. Weil wir diese Formen in Träumen, Mythen, Erzählungen, Erlebnisberichten, Therapieprotokollen und so weiter finden, haben diese so ausdrucksstarke Namen wie “Göttin des Todes” oder “Jungfrau-Mutter-Göttin”. Nüchtern können wir diese sogenannten Archetypen als Muster in der Welt betrachten, an die wir uns als Mensch angepasst haben, indem wir sie als eine Art universelles Formvokabular erben und weitergeben. So wie Ekel entstanden ist, weil er einen Selektionsvorteil bedeutet hat, ist der Archetyp “Held” entstanden, weil es einen Selektionvorteil bedeutet, wenn man über die Kenntnis dieser Form verfügt.

Bei beiden, Gefühlen und Archetypen, können wir uns nun fragen, ob es tatsächlich eklige Dinge oder diese Formen gibt, oder ob Ekel und Archetypen dadurch entstehen, dass wir sie als Muster der Realität aufstülpen. Denken wir das Problem zu Ende, zumindest soweit zu Ende wie es bisher getan wurde, gelangen wir zum ewigen Streit zwischen dem realistischen und dem konstruktivistischen Ansatz der Ontologie: Sind Erkenntnisprodukte das Ergebnis der Wahrnehmung von Realität oder lediglich Konstruktionen, die wir der Realität, auf die wir keinen Zugriff haben, aufstülpen?

Beide Positionen sind zum Scheitern verurteilt. Reine Konstruktionen könnten nie dazu führen, dass wir Erfolgswahrscheinlichkeiten im Erkenntnisprozess feststellen können. Doch alleine, dass man mit Argumenten versucht eine Position zu belegen, zeigt, dass man Argumentation als ein geeignetes Erkenntnismittel sieht, zumindest im Vergleich zu Alternativen wie zum Beispiel zufälliges Auswählen. Ebenso zeigt alleine Möglichkeit, dass wir uns irren können, dass der Zugang zur Realität nicht direkt ist. Die Ursache liegt im Erkenntnisprozess selbst, der erfordert, dass ein erkennendes Subjekt versucht, ein zu erkennendes Objekt zu verstehen. Weil beide getrennt sind, kann das erkennende Subjekt das Objekt verfehlen.

Das ist wichtige Voraussetzung dabei, wenn man über das kollektive Unterbewusstsein nachdenkt. Einfach gesagt: Archetypen entstehen im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess durch eine Analyse qualitativer Daten und haben dadurch alle Eigenschaften von Wissen und Information, die aus qualitative Daten gewonnen werden. Wenn ich beispielsweise 100 Menschen ausführlich zu ihren Hoffnungen und Wünschen befragte, kann ich nicht lediglich die Häufigkeit messen, wie oft bestimmte Worte wie “Reichtum” oder “Glück” vorkommen, um auf die Prioritäten im Leben von Menschen zu schließen. Ich muss einräumen, dass ich mich nicht in einem Feld einigermaßen präziser Wissenschaft bewege. Wenn ich ein Experiment mit 100 Menschen mache, die drei Mal pro Woche in meinem Labor ein bestimmtes Ausdauertraining auf dem Ergometer absolvieren, ist ein größerer Teil des Erkenntnisprozesses durch zuverlässigere Methoden wie etwa Statistik oder Messgeräte abgesichert, sodass weniger Raum für Erkenntnisfehler bleibt. (der ist allerdings immer noch reichlich!)

Mein eigener Begriff des kollektiven Unterbewussten geht etwas über den originalen Begriff von Jung hinaus: Ich meine damit alle Formen, die uns Menschen als universelle Formen gegeben sind. Sie müssen nicht gleichermaßen jeden Menschen betreffen oder auf ihn zutreffen. Sie müssen auch nicht in der Psyche von uns Menschen gespeichert werden. Ich zähle beispielsweise die Natur von Vertrauen zum Traum dazu. Ich kann dir als Leser dringend empfehlen das Lernspiel zu spielen, das ich am Ende des Artikel verlinke, um dich mit der Evolution von Vertrauen vertraut zu machen.

Ich habe mich dazu entschieden, weil ich die Idee des kollektiven Unterbewusstseins für korrekt und äußerst nützlich halte, sie jedoch als zu eng betrachte. Daher habe ich mich auch für den, zugegeben noch schwammigeren, Begriff “Traum” entschieden. Der gemeinsame Traum steht für das Medium in dem wir alle Schwimmen und dem wir nicht entkommen können. So wie die universellen Archetypen immer und überall präsent sind, sind auch nüchternere Phänomene wie Vertrauen und das zukünftige Ich Bestandteile der Conditio Humana, dem Menschsein, dass uns als Problem zum Lösen und Aufgabe zum Erfüllen gegeben wurde.

Ich erinnere nochmal an den Namen des Bilds: Lebenskompass. Die Aufgabe des Kompasses ist es eine verlässliche Erkenntnismethode zur Verfügung zu haben. Diese Erkenntnis interessiert uns, weil wir uns orientieren und navigieren wollen und müssen. Beim Leben ist recht unklar, was wir eigentlich navigieren wollen. Wenn die Welt das Medium ist, in dem wir uns bewegen, ist der Traum das Medium, in dem wir leben. Der Traum erfordert die Akzeptanz, dass es DAS LEBEN gibt, dass wir in ihm leben und nicht völlig egal ist, was wir mit unserem Leben anstellen.

  1. DAS LEBEN heißt: Es gibt eine universelle Wahrheit darüber, was das Leben ist. Es heißt nicht, dass wir über allen Irrtum erhaben sind, weder als Individuum noch als Art. Es heißt aber, dass es Wahrheit da draußen gibt und damit Hoffnung gibt, dass das Leben mehr ist als Leere und Chaos.
  2. Wir leben heißt: Wir gehören dazu. Das Leben lebt gewissermaßen durch uns. Wir sind nicht etwa von einem Medium getrennte Individuen. Wir selbst sind das Medium und gestalten durch unser Leben DAS LEBEN mit. Das Leben lebt ALS wir.
  3. Es ist nicht egal, wie wir leben. DAS LEBEN lebt als wir. Wir können ein gutes Leben führen oder ein schlechtes. Und wie ein Tropfen Öl ein Fass Wasser vergiften kann, ist auch unser Beitrag zum LEBEN viel größer, als wir annehmen. Jeder einzelne von uns zählt!

Verantwortung und Hoffnung

Dies ist Grund für eine große Hoffnung. Ein gutes Leben ist möglich und wir können es schaffen. Je besser unser Kompass ist, je stärker und ausdauernder wir sind, je vertrauter wir mit der Landschaft sind, desto größer sind unsere Chancen dorthin zu gelangen, wo wir gebraucht werden und wo wir zählen.

Es gibt eine enge Beziehung von Teil und Ganzem: Wenn das Teil dem Ganzen nicht zuträglich ist, entstehen Probleme für beide: Krebszellen werden vom Immunsystem attackiert, Verbrecher werden bestraft, eingesperrt oder verstoßen, schädliche Apps werden gelöscht. Aber Krebs kann den Körper töten und damit auch sich selbst, Verbrecher beschädigen das Vertrauen ihrer Lebenswelt und berauben sich damit der Verbundenheit, schädliche Apps können das Vertrauen in Smartphones generell zerstören. Die Beziehung von Teil und Ganzem ist genau dann gesund, wenn sie symbiotisch ist.

Erst wenn du (als Verwalter des Ganzen) dich um deinen Körper kümmerst, kannst du dich auf gesunde Organe und Zellen verlassen. Ebenso müssen deine Zellen ihren Teil erledigen. Würden die Organe und Zellen unseres Körpers nicht zusammen und für das Ganze arbeiten, würde das Ganze uns sie selbst sterben.

Der Wert eines Individuums ist so hoch wie sein Beitrag zur Gemeinschaft. Unterdrückt die Gemeinschaft die Individuen hat sie schlechtere Individuen, die einen geringen Beitrag zur Gemeinschaft leisten können. Kümmern sich die Individuen nicht um die Gemeinschaft, verfällt die Gemeinschaft und die Individuen sind mehr und mehr auf sich alleine gestellt.

Diese enge Beziehung macht uns verantwortlich: Es ist unsere Aufgabe ein gutes Leben zu führen. Es ist unsere moralische Pflicht. Verletzen wir diese Pflicht, bezahlen wir dafür. Leben wir ein gutes Leben, erhalten wir alles, was ein gutes Leben nur bieten kann.

Das ist das Prinzip der totalen Verantwortung.

Lust und Schmerz

Mit Lust sind alle positiven Gefühle gemeint. Wärme, die Empfindung beim gestreichelt werden, Sättigung, Glücksempfindungen beim Anblick des Sonnenaufgangs in den Bergen, geliebt werden, Verbundenheit, Geborgenheit, Bequemlichkeit und so weiter. Lust ist eine wahrgenommene Information. Wir werden beispielsweise darüber informiert, dass unser Magen im guten Maß gedehnt ist, wir eine angenehme Aufnahme von Glucose und Aminosäuren über den Darm erfahren und so weiter. Sättigung ist dann die Empfindung, auf die wir Zugriff haben.

Mit Schmerz sind alle negativen Gefühle gemeint. Hitze, körperlicher Schmerz, Kälte, Alleinsein, unerwiderte Liebe, zu lange auf einer Seite gelegen haben und so weiter. So wie Lust ist auch Schmerz eine wahrgenommene Information. Wir werden beispielsweise darüber informiert, dass unser Magen leer ist, unserer Leber allmählich die Glucose knapp wird, die Muskeln ihre Aminosäuren abgeben und so weiter. Hunger ist dann die Empfindung, auf die wir Zugriff haben.

Dabei gilt, dass “positiv” und “negativ” so gemeint sind, wie wir elektrische Ladungen als “positiv” oder “negativ” bezeichnen. Es sind keine Wertungen. Schließlich können wir den Muskelschmerz beim Training als gut bewerten oder ihn sogar vermissen, wenn wir ihn zu lange nicht gefühlt haben. Ebenso können wir Bequemlichkeit abstoßend finden und noch stärker: Unsere Neigung an sich Bequemlichkeiten als Versuchung zu erliegen, abstoßend finden.

Diese Wertungen nenne ich Genuss und Leiden. Wir können positive Empfindungen genießen (z.B. gerne auf dem Sofa liegen), können aber auch an ihnen Leiden (z.B. auf dem Sofa liegen und sich selbst dafür verurteilen). Ebenso können wir negative Empfindungen genießen (z.B. die Kälte im Eisbad als reinigend empfinden) oder an ihnen leiden (z.B. die Kälte im Eisbad verabscheuen).

Ich halte es für eine evidente Grundwahrheit, dass wir tendenziell Lüsten zugeneigt sind und Schmerz meiden. Tendenziell heißt, dass wir als Menschen diese Neigung haben, ihnen aber nicht unterworfen sind. Diese Neigung entsteht dadurch, dass wir an diese Informationen auf die gleiche Weise angepasst sind, wie etwa ein Krokodil oder die anderen Tiere. Ein Krokodil frisst “gerne” und ist “ungerne” kalt. Doch bereits bei Tieren ist diese Neigung nicht universell. Hunde flippen gerne aus. “Zoomies” in Umgangssprache und “frenetic random activity periods” in der Fachwelt genannt. Eigentlich müsste man meinen, dass dies Energieverschwendung ist. Doch bereits in Tieren ist angelegt, dass Schmerzempfindungen nicht generell zu meiden sind und Verausgabung auch förderliche Effekte hat.

In dieser Offenheit der Entscheidung liegt das Bewusstsein: Wir können sind frei darin zu entscheiden, wie wir Lust und Schmerz bewerten. Das macht uns menschlich. Bewusstsein unterscheidet uns nicht binär vom Tier, sondern graduell. Bakterien haben quasi kein Bewusstsein und Schimpansen schon recht viel, wir Menschen am Meisten. Aber auch von Mensch zu Mensch können wir unterschiedliche Grade von Bewusstsein beobachten. Ein Aspekt des Bewusstseins ist die Fähigkeit Lust und Schmerz wertfrei zu fühlen.

Die Auseinandersetzung mit Lust und Schmerz ist die Grundsubstanz, der Baustoff aus dem wir unsere Vorstellung von richtig und falsch bauen. Dabei ist diese Auseinandersetzung eine Mischung aus Denken, Fühlen und Handeln. Wir denken darüber nach, wie wir mit Lust und Schmerz umgehen, haben Vorahnung, wie sich unsere Entscheidungen anfühlen werden, handeln nach unseren Entscheidungen und fühlen dann tatsächlich, ob unser Handeln zu mehr Lust oder Schmerz geführt hat. Dass Lust und Schmerz Baustoff sind, führt dazu, dass viele unsere Motivation auf diese Empfindungen reduzieren. Sie sagen: "Am Ende machen wir Menschen nur das, was uns Lust bereitet, und meiden das, was uns Schmerzen bereiten."

Ein einfaches Beispiel dafür sind moderne Selbsthilfebücher zu Gewohnheiten: Die Grundannahme ist, dass Gewohnheiten Dopaminschleifen sind: Als Dopaminsklaven machen wir das, was uns Dopamin bringt, bis wir dazu trainiert sind, diese Handlungen als Routine zu machen. Das nennen wir dann Gewohnheit. Das ist sowohl fachlich falsch, Dopamin ist nämlich kein Glückshormon, sondern codiert einen bestimmte Vorhersagefehler.1 Es ist aber in der Sache falsch:

Wenn Menschen dann etwas tun, was eindeutig Schmerzempfindungen auslöst, könne es nicht anders sein, dass diese Schmerzempfindung durch Angst vor noch größeren Schmerz oder größere Lustgefühle überschrieben sind. So ist die übliche Erklärung.

Gewöhne ich mir beispielsweise an, jeden Morgen ins Eisbad zu gehen, sollte dies niemals zur Gewohnheit werden können. Schließlich werde ich für jedes Mal bestraft. Also muss es so sein, dass die Scham, mich vor dem Eisbad zu drücken, oder die Hoffnung auf nachfolgendes Wohlbefinden durch Ausschüttung von Botenstoffen, “stärker” sind als der Schmerz der Kälte.

Das ist jedoch eine zirkuläre Erklärung:

  1. Jedes Handeln ist durch Lustgewinn und Schmerzvermeidung motiviert.
  2. Das Eisbad verursacht (Kälte-)Schmerz.
  3. Also: Das Eisbad verursacht einen Lustgewinn oder eine Schmerzvermeidung.

Die Motivation einer solchen Annahme liegt im Hedonismus. Mit Hedonismus meine ich eine prinzipiell positive Bewertung von Lustempfindungen und eine prinzipiell negative Bewertung von Schmerzempfindungen. Es gibt eine ganze Reihe von “Arten” von Hedonismus:

  • Psychologische Hedonismus macht eine Tatsachenaussage: Alle unsere Handlungen zielen darauf ab, die Lust zu erhöhen und Schmerzen zu vermeiden.
  • Ethischer Hedonismus macht eine normative Aussage: Alle unsere Handlungen sollten auf Lustgewinn und Schmerzvermeidung abzielen.

Ich denke, dass sich diese Arten gegenseitig bedingen und bedingen müssen. Hedonismus ist eine bestimmte Konfiguration von Werturteilen: Lust = gut, Schmerz negativ. Wenn beispielsweise der Psychologe ein Hedonist ist, ist er stärker geneigt, dies ethisch zu vertreten.

Eine meiner zentralen Motivationen für die Arbeit an Modellen wir dem Lebenskompass ist, ein besseres Modell als den Hedonismus zu schaffen.

Der Wille

Es gibt drei Willen im Lebenskompass, drei Kräfte:

  1. Lust
  2. Schmerz
  3. Das gute Leben

Über Lust und Schmerz haben wir bereits gesprochen. Lust und Schmerz sind zwei Richtungen, an denen sich unser Wille ausrichten kann.

  1. Ich kann mich an Lust ausrichten. Das heißt, dass ich esse, was ich esse, weil es lecker ist.
  2. Ich kann mich an Schmerz ausrichten. Das heißt, dass das Muskelbrennen beim Training mich dazu motiviert, mich noch intensiver anzustrengen.
  3. Ich kann Lust meiden. Ich vermeide beispielsweise Fastfood, weil es zu lecker ist.
  4. Ich kann Schmerz meiden. Ich beende beispielsweise den Satz beim Krafttraining, weil es zu sehr weh tut (es sich zum Beispiel schon nach einer Verletzung anfühlt).

Zwischen diesen beiden Richtungen gibt es eine Wechselwirkung. Je intensiver und umfangreicher ich trainiere, desto besser schmeckt mir mein Essen. Je besser meine Laune ist, desto mehr kann ich trainieren. Sie stehen nicht nur im Widerspruch zu einander, sondern ergänzen sich gleichzeitig wunderbar. (Wie in der Ehe)

Diese beiden Willen haben einen Einfluss darauf, in welche Richtung der Kompass zeigt. Je mehr Schmerz ich suche, desto stärker neigt sich der Kompass in die eine Richtung, je mehr Lust ich suche, desto stärker neigt sich der Kompass in die andere Richtung. Das heißt, dass ich durch die korrekte Balance von Schmerz und Lust den Kompass auf das gute Leben ausrichte.

Die dritte und letzte Kraft ist der reine, der freie Wille. Das ist die Richtung, die wir eigentlich gehen wollen.

Der freie Wille und die Richtung des Lebens

Die Richtung unseres Lebens wird durch diese drei Kräfte bestimmt.

Je größer unser Wille zur Lust ist, desto mehr neigt sich unser Leben in Richtung von Lust. Ein hedonistisches Leben würde man als die größtmögliche Orientierung zu Gunsten von Lust bezeichnen.

Hier liegt einer der Gründe, weshalb der moderne Mensch in einem andauernden Widerspruch liegt, den er nicht vernünftig lösen kann: Hedonismus bedeutet, dass man den höchstmöglichen Willen zur Lust auslebt. Man erlebt sich andauernd, dass man nach Lüsten strebt, die einen jedoch weiter weg vom Ziel führen, das man eigentlich anstreben will. Hedonismus bedeutet nämlich keineswegs, dass man das gute Leben und die gute Richtung ignoriert.

Wesentlich seltener ist ein reiner Wille zum Schmerz. Vielleicht wäre David Goggins ein gutes Beispiel für jemanden, der den Willen zum Schmerz höchstmöglich ausprägt.

Auch hier können wir das Problem sehen, dass daraus entsteht: Nur äußerst selten lacht Goggins und wenn ist es eher ein Fletschen der Zähne.

Ich ordne Goggins Arbeit so ein: Er ist auf der Suche nach dem reinen Willen. Weil Schmerz an und für sich eine negative, also abstoßende Wirkung hat, Lust an und für sich eine positiven, also anziehende Wirkung hat, hat Goggins sich für eine Weise des Lebens entschieden, die es erfordert, den Kompass so weit wie möglich auf die Schmerzseite zu neigen. Im Ergebnis geht es um einen Versuch den Willen zum Schmerz und die Richtung des Lebens deckungsgleich zu machen.

Das ist zwar nicht das Rezept für ein umfassend gutes Leben, dafür aber ein ehrenvolles Selbstopfer, um den reinen Willen zu erforschen.

Das ist Goggins implizite Forschungsfrage: Was ist der reine Wille und wo sind seine Grenzen?

Aus der Balance unseres Willens zur Lust und des Willens zum Schmerz ergibt sich dann eine Startrichtung, in die unser Leben geht. Uns Menschen ist ein reiner Wille gegeben. Hier sprechen wir von Willensfreiheit. Die Schlussfolgerung auf Basis des Kompass ist, dass wir weder völlig frei noch unfrei sind. Lust und Schmerz haben de facto einen Einfluss auf uns. Die Richtung unseres Lebens sind nicht unabhängig von unseren Neigungen zu Lust und Schmerz und auch nicht unabhängig von unserer Umwelt als Quelle von Lust und Schmerz. Doch frei sind wir dabei, uns die Richtung des guten Lebens auszusuchen und alles dafür zu tun, unsere Neigungen zu beeinflussen und auszunutzen, unsere Umwelt zu gestalten und mit gnadenloser Beharrlichkeit am Ziel des guten Lebens festzuhalten.

Wie nutzen wir den Kompass?

Aus dem Lebenskompass ergeben sich einige praktische Implikationen:

  • Die Aufgaben des Traums: Das Ziel ist eine gute Beziehung zum Medium herzustellen, in dem wir Leben.
  • Die Arbeit mit Lust und Schmerz: Das Ziel ist die Reife Beziehung zu diesen Lust und Schmerz aufzubauen. Sie äußert sich darin, sie als Informationen über positive und negative Kräfte des Lebens zu begreifen, ohne im Moment der Empfindung ein Werturteil zu fällen.
  • Der Aufbau von Willen. Das Ziel ist ein bewusster(er) und stärkerer Mensch zu werden.

Arbeit an unserem Glauben

Als Glauben bezeichne ich gewissermaßen das Betriebssystem unserer Seele. Hier sind die Grundannahmen zu finden, von denen wir ausgehen, wenn wir darüber zu leben und DAS LEBEN nachdenken.

Religiöse Menschen haben es hier in gewisser Hinsicht einfacher, weil der gute Glaube in den heiligen Texten mehr oder weniger gut beschrieben wird, zumindest einen guten Glauben vorgibt und es dem Gläubigen zur Aufgabe macht, den guten Glauben anzunehmen. Der Nachteil ist, dass die Weise, wie man mit religiösen Texten umgeht, ebenfalls gut oder schlecht sein kann. Wenn man beispielsweise auf einer möglichst wörtlichen Interpretation von religiösen Texten besteht, liegt man falsch. Dieser Fehler spiegelt sich dann im Effekt des Glaubens wider. Gewöhnlich leben Gemeinschaften, die nach starrem Fundamentalisten organisiert sind, auch gemäß ihrer eigenen Überzeugungen, ein schlechtes Leben.

Ein Aspekt vom Glauben ist beispielsweise das Mindset auf Deutsch ganz langweilig: Einstellung oder Haltung. Ein Ausschnitt daraus ist die sogenannte Wachstumseinstellung (Growth Mindset). Am Ende des Artikels habe ich dir einen Podcast diese Haltung verlinkt.

Das haben religiöse Menschen ebenfalls in ihrer Grundhaltung eingebaut: Gewöhnlich ist der eigene, tatsächliche Glaube eine Abweichung von dem, was gewünscht ist (ob durch Gott oder durch was auch immer beim Buddhismus). Der Auftrag zur Selbstentwicklung und die Arbeit am Glauben, ist mehr oder weniger in das religiöse Leben eingebaut. Wie fängt man an, am Glauben zu arbeiten?

Übungen. Es gibt ein Buch, dass ich sehr bewundere: Nachfolge Feiern von Richard Foster. Es ist eigentlich ein christliches Buch, indem Disziplinen beschrieben werden, in denen man sich als Christ üben solle, um spirituell zu wachen. Das sind beispielsweise Meditation, Gebet, Fasten, Studium, einfaches Leben, Dienen, Beichte und so weiter. Doch so wie man aus buddhistischen Quellen lernen kann, ohne Buddhist zu sein, kann man auch hier eine Menge mitnehmen.

Aus christlicher Sicht ist es natürlich wesentlich einfacher mit einer Sammlung von Übungen aufzuwarten, weil das Ziel wesentlich klarer ist: Guter Christ sein. Was das heißt, steht in der Bibel. Wenngleich dies selbst wiederum komplex ist, ist es jedoch sehr viel weniger komplex als den guten Glauben ohne ein Glaubensvorbild wie etwa Jesus oder Buddha zu suchen.

Es bleibt nur die Bottom-Up Entwicklung übrig: Man wählt sich einzelne Elemente aus wie etwa die Wachstumseinstellung und übt sich in dieser. Das heißt, dass man ähnlich wie beim Training, gute Handlungsweisen sucht (gute Übungsausführung, Trainingsmethoden usw.) und Gewohnheiten (Implementation in den Alltag) aufbaut.

Arbeit am korrekten Sinn. Sinn (alternativ: Bedeutung) ist für mich schwieriger zu erklären, weil ich mich hier große Teile meiner noch unveröffentlichten Arbeit beziehen muss. Sinn und Bedeutung beziehen sich auf unterschiedlichste Anforderung an die Verstehbarkeit des eigenen Lebens und eine bestimmte Form. Um diesen Artikel nicht ins Unermessliche wachsen zu lassen, werde ich hier ein Beispiel von Anreicherung des Lebens mit Sinn geben:

Gewohnheiten sind gespeicherte Willenskraft. Wenn ich eine Gewohnheit aufbaue, erreiche ich nicht nur das unmittelbare Ziel. Wenn ich beispielsweise jeden Morgen laufen gehe, trainiere ich nicht nur meine Ausdauer. Zusätzlich speichere ich Willenskraft in diese Gewohnheit.

Nehmen wir Peter und Alfred als Beispiele:

Peter läuft jeden Tag, plant sein Training jedoch jeden Tag neu. Mal passt es ihm vor der Arbeit besser, mal nach der Arbeit. Dadurch erhält er +1 auf seine Gesundheit.

Alfred läuft jeden Morgen direkt nach der Morgentoilette. Dadurch erhält er nicht nicht nur +1 auf seine Gesundheit, sondern +0,1 auf seinen Willen. Wenn nämlich Regenwetter angesagt ist, dann kann er mehr als nur seinen aktiven Willen für die Entscheidung zum Laufen verwenden. Auch die Gehirnstrukturen, in denen die Gewohnheit gespeichert ist, helfen ihm mit. Eine Gewohnheit zeichnet sich dadurch aus, dass man gegen die unmittelbare Lust- oder Schmerzreaktion auf die Handlung desensibilisiert. 234567 Peter dagegen hat nichts weiter als seinen aktiven Willen.

Das macht das gewohnheitsmäßige Laufen sinnvoller als das tägliche Laufen ohne Gewohnheit. Durch die Gewohnheit werden wir willensstärker und uns steht mehr Wille für den Rest des Lebens zur Verfügung. Das Leben wird in sich stimmiger, weil wir gleichzeitig mehr Fliegen mit einer Klappe schlagen können.

Das obige ist ein Beispiel der Sinntechnik Harmonisierung. Man arbeitet daran, dass die Bestandteile des Lebens ein harmonisches Ganzes ist.

Akzeptanz von einem Mindestmaß von Fremdbestimmung Alles ergibt nur dann Sinn, wenn man ein Mindestmaß von Fremdbestimmung des Guten akzeptiert. Mit Fremdbestimmung meine ich nicht “die Gesellschaft” oder “die Natur”. Ich meine vielmehr, dass es eine externe Quelle der Wahrheit über die Natur des Guten gibt. Gibt es keine externe Quelle sind alle Überlegungen zum guten Leben sinnlos, weil sie von Beliebigkeit und Chaos aufgefressen werden. Du könntest ebenso gut deinen Glauben auswürfeln. Das ist die notwendige Voraussetzung für alle Überlegungen des guten Lebens. Wenn es keine externe Quelle über die Wahrheit von Gut und Böse, richtig und falsch gibt, bleibst du mit dir, deinen Entscheidungen und dem völligen Mangel an Entscheidungskriterien alleine. Man könnte sagen, dass die Akzeptanz dieser Fremdbestimmung der erste und notwendige Schritt in Leben ist, das überhaupt eine Richtung haben kann.

Lerne, Lust und Schmerz von Genuss und Leiden zu unterscheiden

Lust und Schmerz sind die unmittelbaren Empfindungen. Genuss und Leiden sind dagegen die bereits bewerteten Empfindungen.

Wenn ich beispielsweise Lust empfinde, sollte ich frei dabei sein, ob ich dies genieße. Als ich noch als eine Art Lebenswandelmönch gelebt habe, hat der Anblick eines Schokoriegels eine Art Ekel in mir ausgelöst. Beim Essen selbst habe ich gespürt, wie Zucker, Salz, Fett und Schokolade eine Lustreaktion ausgelöst haben. Doch diese Reaktion hat sogar ein Leiden in mir hervorgerufen. Diese Reaktion war durch meinen damaligen Lebenssinn motiviert. Mein Leben war eine bestimmte, quasi reine (eben wie ein Mönch den reinen Glauben auslebt) Ausdrucksform meiner Arbeit. Meine Beziehung zu der Lustempfindung war durch die Sinnstruktur meines Lebens verändert und so habe ich daran gelitten.

Ein anderes Beispiel ist sexuelle Erregung. Bei Freuen sind Lust und Genuss beispielsweise stärker voneinander getrennt: Sehen Frauen sich Affen an, die Sex haben, reagiert ihr Körper mit einer Lustreaktion. Diese ist jedoch unterdrückt.8

Das heißt nicht, dass Frauen “insgeheim auch mit Affen Sex haben wollen”, sondern es heißt, dass sexuelle Gefühle keine reinen Lustgefühle sind, was übrigens eine typische maskuline Sicht auf Sexualität ist. Vielmehr sind sexuelle Gefühle ein Ergebnis einer bewussten und unbewussten Bewertung der durch den Körper generierten Lust.

Schmerzarbeit, die bewusste Konfrontation und Verarbeitung von Schmerz, ist einer der wesentlichen Bausteine, um diesen Reifeprozess des Bewusstseins zu fördern.

Training, Fasten, Kälte bringen uns mit Schmerz in Kontakt. Der würdige und ruhige Umgang erlaubt uns, den Schmerz wahrzunehmen, ohne daran zu leiden.

Ebenso wie bei Meditation ist der Übertrag die schwierige Übung. Nur weil wir körperliche Schmerzen beim Training aushalten, heißt es noch lange nicht, dass wir auch die Qual beim Auswendiglernen langweiligen Materials in Würde aushalten, anstatt an ihr zu leiden.

Die Lebensgestaltung sollte die reife Haltung zu Lust und Schmerz widerspiegeln:

Man sollte nichts einfach nur machen, weil es Lustgefühle erzeugt. Das heißt natürlich nicht, dass man keine Lustgefühle haben darf. Die Lust sollte allerdings in den Dienst etwas Höherem Sinnvollerem gestellt sein.

Wenn ich beispielsweise Sex mit meiner Frau habe, stärken die Lustgefühle meine Ehe. Wenn ich dagegen Sex mit einem Sexroboter habe, während auf meiner Virtual Reality Brille Pornos laufen, zerstören die Lustgefühle meine Bindungsfähigkeit.

Ein weiteres Beispiel sind Reisen. Wenn den Urlaub nutze, um mich nach einer anstrengenden Arbeitsphase zu erholen und mich auf meine nächste Arbeitsphase zu erholen, stelle ich die Entspannung und den Ortswechsel in den Dienst meiner Arbeit (die auch wiederum im Dienst von etwas Höherem gestellt werden sollte wie etwa die Versorgung der Familie oder die Schaffung von Gütern und Dienstleistungen, nicht etwa bloß zum eigenen Genuss). Wenn ich aber den Urlaub nutze, um ein Erlebnis zu erzeugen, konsumiere ich meine eigene Zeit, um ein Lustgefühl zu erzeugen und mich an diesem Lustgefühl zu ergötzen. Dieser Konsum an der eigenen Zeit selbst führt dazu, dass ich ich weniger Sinn habe, weil der Urlaub nicht mehr harmonischer Teil des Lebens ist, sondern einen Teil aus dem Leben herausreißt, damit man ihn verschlingen kann. Das fühlt sich sogar schlecht an. Man entwickelt Fernweh, gewinnt ein schlechteres Gefühl gegenüber dem eigentlichen Leben, das man führt, und so weiter. Es sorgt für eine Störung im Leben.

Der Konsum an der eigenen Zeit ist eine Ausdrucksform von Hedonismus, die dazu führt, dass der Lebenskompass schlechter funktioniert. Das heißt nicht, dass eine einmalige Reise aus Spaß das Leben zerstört. Ebenso wenig wie ein einziger Schokoriegel dick macht. Aber gewöhnlich ist “Reisen” Ausdrucksform eines Lebens, dass nicht auf Sinn, Bedeutung und allgemein das Gute ausgerichtet wird.

Der Text gewinnt den Eindruck eines moralischen Charakters, weil er nahelegt, dass Reisen ein schlechtes Mittel ist und wir als Menschen ein intrinsisches Bedürfnis nach Sinn und Bedeutung haben. Aber schlussendlich geht es nur um einen kausalen Zusammenhang: Handlungen, die auf den Konsum der eigenen Zeit zum Genuss ausgerichtet sind, reduzieren Sinn und Bedeutung im Leben, sowie Süßigkeiten durch Fett und Zucker dick und ungesund machen oder die Darmflora stören.

Willenskraft ausbilden

Willenskraft bilden wir aus, indem wir uns in Arbeit gegen Widerstände üben. Wann immer wir unsere Willenskraft nutzen, um uns gegen den Willen der Lust oder den Willen zum Schmerz zu stemmen, stärken wir diese.

  • Wenn wir uns gegen die Versuchung von Süßigkeiten durchsetzen, stärken wir unseren Willen.
  • Wenn wir uns zur nötigen Pause zwingen, obwohl wir eigentlich weiterarbeiten wollen, um uns auszuruhen, stärken wir ebenfalls unseren Willen.

Es ist lediglich durch den Zustand der Welt bedingt, dass wir häufiger gegen den Willen zur Lust arbeiten müssen als gegen den Willen zum Schmerz.

Der Wille ist das Organ unseres Geists in dem Entscheidungen getroffen werden. Das heißt: Wir müssen davon Gebrauch machen, wenn wir es trainieren wollen. Dazu gehört auch Entscheidungen zu treffen.

Gewohnheiten auszubilden führt dazu, dass wir Willenskraft für den späteren Gebrauch speichern. Natürlich ist die gespeicherte Willenskraft an die Gewohnheit gebunden. Wir können beispielsweise nicht die gespeicherte Willenskraft unserer Trainingsgewohnheiten dazu benutzen, um konzentrierter beim Lernen zu sein. Aber es ist Willenskraft, die wir nicht nutzen und damit sparen.

Lieben. Liebe versorgt den Willen auf eine mir unerklärliche Weise den Willen mit Kraft. Ich bin noch nicht so weit in meiner Arbeit, dass ich hier mehr als nur meine persönliche Überzeugung ins Feld führen kann.

Beispiel von Krankheiten

Ich will eher ungewöhnliche Beispiele geben. Jeder weiß hier, dass zu viel Fressen und zu wenig bewegen Probleme macht.

Hedonismus ist falscher Glaube Die Überzeugung, dass Lust prinzipiell gut und Schmerz prinzipiell schlecht ist, verkehrt die Richtung, nach der der Mensch strebt.

  1. Fauler Kompromiss. Man strebt bedingt nach höherem, aber installiert sein niederes Selbst als eine Art Anker und schafft so Widerstand.
  2. Hedonismus erzeugt Narzissmus, denn sie sind immer nur persönliche Empfindungen.
  3. Man reduziert sich auf einen primitiven Teil von sich und verpasst es, das Edle in sich zu entfalten.

Man glaubt, man lebt ein gutes Leben, wenn man seinen Interessen folgt. Das ist vor allem bei Menschen präsent, die es geschafft haben, sich einen Lebenswandel zu ermöglichen, in dem sie ihren Interessen auf eine Weise folgen können, die gleichzeitig auch Geld erzeugt. Sie präsentieren ihr Leben, als solle man sich was davon abgucken.

Doch wer bringt dann die Post? Oder reinigt die Kanalisation? Die erwähnten Menschen, überlassen anderen die Drecksarbeit. Es ist ja nicht schlimm, wenn man ein schönes Leben hat. Aber es zu präsentieren, als sei es das gute Leben ist falsch. Solche Menschen, dazu gehöre auch ich, leben auf Kosten dieser harten und oft undankbaren Arbeit anderer Menschen. Daher halte ich mich möglichst zurück, mein Leben, wie ich es lebe, als erstrebenswert darzustellen. Mein Leben ist nur möglich, weil jemand die Kanalisation pflegt, in die ich meine Scheiße mit Trinkwasser spüle.

Die Überzeugung, Liebe sei ein Gefühl. Liebe ist nicht Lust. Liebe ist die Vollendung von Traum, Lust und Schmerz. Wenn Menschen das nicht verstehen, wissen sie nicht, wie man mit Liebe umgeht.

Liebe ist kein Gefühl, das ist Verliebtheit. Sonst würde ich kurz Mal Pause mit der Liebe machen müssen, um mich mit meiner Frau zu streiten. Diese naive Unkenntnis und teilweise auch das Unvermögen zu lieben, sind Gründe, weshalb moderne Partnerschaften so zerbrechlich sind: Moderne Partnerschaften gründen sich auf dem Trieb der egoistischen Bedürfnisbefriedigung, die man erlangt, in dem man Verliebtheit fühlt. Doch je länger die Partnerschaft andauert, desto weniger wichtig wird Verliebtheit. Nach einer Weile erfüllt die Partnerschaft nicht mehr den Zweck und man trennt sich vom Partner. Wie eine Wanderheuschrecke, die alles abgefressen hat und nun weiterzieht. Das ist, was moderne Menschen in Partnerschaften mit sich gegenseitig machen. Die Partnersuche ab 30 ist aus diesem Grund so verhext: Der Moderne Mensch ist Wanderheuschrecke und Nahrung für andere Wanderheuschrecken zugleich. Er will fressen, doch findet nur noch leergefressene Landschaften um sich. Zugleich ist er selbst leergefressen und die anderen Heuschrecken ziehen schon nach kurzer Zeit enttäuscht weiter.

Ich glaube, dass es ein übergeordnetes Muster von dieser Krankheiten gibt. Ich nenne dieses Muster Moderne als Krankheit, weil mir scheint, als sei unser Zeitalter das Zeitalter der Vollendung dieser Krankheit.

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Dieser Text ist Teil des Manuskripts für den fünften und letzten Band der Lebenswandelreihe.

Ressourcen


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  2. Wendy Wood and Dennis Runger (2016): Psychology of Habit, Annual Review of Psychology 1, 2016, Vol. 67, S. 289-314. 

  3. Agustin Zapata, Vicki L Minney, and Toni S Shippenberg (2010): Shift from goal-directed to habitual cocaine seeking after prolonged experience in rats, J Neurosci 46, 2010, Vol. 30, S. 15457-63. 

  4. Henry H. Yin and Barbara J. Knowlton (2006): The role of the basal ganglia in habit formation, Nature Reviews Neuroscience 6, 2006, Vol. 7, S. 464--476. 

  5. Anthony Dickinson (1985): Actions and habits: the development of behavioural autonomy, Philosophical Transactions of the Royal Society B, 1985, Vol. 308, S. 67-78. 

  6. Elizabeth Tricomi, Bernard W Balleine, and John P O'Doherty (2009): A specific role for posterior dorsolateral striatum in human habit learning, Eur J Neurosci 11, 2009, Vol. 29, S. 2225-32. 

  7. Lee Hogarth, Bernard W Balleine, Laura H Corbit, and Simon Killcross (2013): Associative learning mechanisms underpinning the transition from recreational drug use to addiction, Ann N Y Acad Sci, 2013, Vol. 1282, S. 12-24. 

  8. Meredith L Chivers and J Michael Bailey (2005): A sex difference in features that elicit genital response, Biol Psychol 2, 2005, Vol. 70, S. 115-20.