Ein neues Trainingparadigma

Mein früheres Ich muss gehen und Platz für mein Neues machen. Noch vor ein paar Jahren habe ich mich als Lebenswandelmönch verstanden: Ich habe mein fast mein komplettes Leben ausschließlich der einen Frage gewidmet, was das gute Leben in der Moderne ist.

Jetzt bin ich Vater und Ehemann. Ich kann nicht mehr das Zentrum von überhaupt irgendwas sein, sondern bin Teil einer Familie. Das ist nun die primäre Einheit meines Denkens. Natürlich gibt es mich noch. Aber mich gibt es nur noch als Teil dieser übergeordneten Einheit namens Familie.

Natürlich kümmere ich mich noch um meine Gesundheit und Fitness. Doch mein früherer Fokus auf Leistung muss gehen.

Das macht mir enorme Schwierigkeiten. Große Teile meiner Identität sind mit meinem Training und meinem Lebenswandel insgesamt verwurzelt. Doch ich kann es mir nicht mehr erlauben, mein Leben in einer Art Dauererschöpfung zu verbringen. Das war der Nebeneffekt eines derartigen Lebenswandels, den ich früher praktiziert habe.

Ich habe beispielsweise mein Training geändert, was auch zu körperlichen Veränderungen führt. Ich habe noch ein Sixpack (wow...), aber Adern habe ich keine mehr auf dem Bauch. Ich bin immer noch stark und schnell, aber ein Level weniger als früher.

Aber auch der Charakter meiner Lebenswelt hat sich verändert. Während ich früher mit äußerstem Fokus und Intensität trainiert habe, trainiere ich jetzt eher bedächtig und gewissenhaft. Ich liebte die Intensität und nun habe ich sie nicht mehr. Sie war früher eine wichtige Quelle von positiven Emotionen in meinem Leben.

Nicht zu vergessen ist mein Alter: Ich bin fast 40. Ich spüre zwar noch keine körperlichen Veränderungen, wie man es sonst so kennt. Würde ich es darauf anlegen, könnte ich noch genauso trainieren und leben wie früher. Doch ich habe eine neue Vorsicht. Früher waren Verletzungen gewöhnliches Risiko meines Lebens. Doch ich weiß, dass Verletzungen nicht mehr so schnell und vollständig heilen wie mit 20.

Das hat mit anderen Faktoren zu einer längeren Phase der Anhedonie (verringerte Fähigkeit Freude zu empfinden) geführt. Alles schien grau. Ich habe ich mich wie ein Flasche gefühlt, weil ich mir nicht täglich versichern konnte, dass ich keine bin. Training war eine meiner wichtigen Säulen dafür.

Aber: Ich bleibe leistungsorientiert in meiner gesamten Lebensweise. Das ist integraler Bestandteil von mir und auch eng verwandt mit meinem Temperament. Das bleibt.

Die zentrale Frage ist also: Wie muss ich leben, damit ich die richtige Antwort auf die Lebensfrage bin, auch wenn ich im Kern noch der gleiche Mensch bleibe?

Diese Frage schließt an eine meiner Grundüberzeugungen an, wer ich bin: Ich bin der, der gebraucht wird. Jetzt wird ein anderes Selbst gebraucht. Selbstlosigkeit ist erst dann ein Ideal, wenn man danach handelt.

Meine Antwort auf diese Frage ist, dass ich die Maßzahl meiner Leistung ändere. Ich werde Schüler der neuen Schule der Langlebigkeit. Peter Attia und Andrew Huberman sind prominente Vertreter.

Meine Leistungsorientierung war ein Resultat meines hohen spirituellen Bedürfnisses: Ich will bei alle gleich die große Sinnfrage mitbeantworten. Sogar beim Paprikaschneiden (wirklich!).

Ich glaube, weil ich schon immer allgemein trainiert habe, sind die Veränderungen in meinem Training von außen betrachtet gar nicht so weltbewegend. Doch alleine, dass ich wieder angefangen habe, niederintensives Ausdauertraining in mein Leben zu integrieren, ist eine starke Veränderung meiner Lebensphilosophie. Früher war meine Ausdauer das Resultat einer ganzen Reihe von Methoden (train low, timing von Kohlenhydraten, hohes Trainingsvolumen, Zwischenroutinen usw.). Aber ich musste auch keine Rücksicht auf die Vereinbarkeit mit einem komplexen Leben berücksichtigen. Jetzt mache ich morgens mit meinem Hund eine kurze Joggingrunde und schlage viele Fliegen mit einer Klappe: Ich laste meinen Hund aus, trainiere einen Teil meiner Ausdauer, kann danach problemlos andere Trainingsinhalte anschließen, kann es mit Kältetraining (ich laufe im Tanktop) kombinieren usw. Trainingsmethodisch ist dies was völlig anderes.

Die Lösung meiner Krise sieht so aus: Ich werde meine alten Trainingsmethoden auf ihre Eignung für ein Training der Langlebigkeit ausrichten. Natürlich gehört Leistung dazu. Aber nun ist sie lediglich Zubringer für meine allgemeine Fitness, während ich früher eine hohe allgemeine Leistung angestrebt habe, während Fitness nur der Zubringer war.

Ich habe körperliche "Hobbies" aussortiert. Ich mache beispielsweise kein Handstandtraining mehr. Leistungen sind Zubringer für meine Fitness und meine Fitness ist lediglich der Ausdruck dessen, dass ich ein langes und fähiges Leben führen kann. Zeit ist knapp und der Handstand ist kein gutes Mittel dafür.

Außerdem erhöhe ich wieder meinen Fokus auf Methodik, Biohacks und Ähnliches. Das gefällt mir ganz gut.

In der Praxis sieht das gerade so aus:

Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag Samstag Sonntag
Morgen Eisbad Eisbad Eisbad Eisbad Eisbad Eisbad
Zone 2, <30min Zone 2, <30min Zone 2, <30min Zone 2, <30min Zone 2, <30min Zone 2, <30min
Kraft Kraft Mobilität Kraft Kraft Mobilität
Vormittag Mini-Trainings Mini-Trainings Mini-Trainings Mini-Trainings Mini-Trainings Mini-Trainings
Mittag Intervall/Zirkel Stabilität Sprint Intervall/Zirkel Stabilität Sprint
Sprung Wurf

Aktuell überlege ich, ob meine Morgenroutine Mittwochs und Samstags Eisbad und Laufen enthalten wird. Mittwoch und Samstags sind besondere Tage für mich und ich habe noch die Neigung, diese anders einzuleiten als die anderen Tage.

Anmerkungen zum Trainingsplan

Aufschlüsselung nach Zeit und Intensität

Das ist eines der Trainingsmodelle, die ich verwende:

So sieht mein Training pro Woche aus:

Zone Minuten pro Woche
1 840 Spazieren mit Hund
2 232 Kälte + Jogging + Mobilität/Stabilität
3 180 Kraft, Sprint, Wurf, Sprung
4 120 Zirkeltraining, MetCon, Mini-Training