Wie man Willensstärke entwickelt - Teil 2: Ein praktisches Beispiel

Zusammenfassung: Dieser Beitrag ist eine Reaktion auf eine Leserfrage: Wie kriege ich alles unter einen Hut? Als Antwort gebe ich einen Teil der inneren Veränderung preis, die ich bewusst durchgemacht habe und durchmachen musste. Die Antwort ist weniger wissenschaftlich und vielmehr spirituell.

Zur Einleitung zum Thema Willensstärke: Wie man willensstärker wird: “Karelin Inspired Training” von Ross Enamait

In diesem Beitrag gebe ich einen intimeren Einblick in mein Training, aber auch in meine Persönlichkeit. Die Persönlichkeitsentwicklung ist ein Aspekt des Lebenswandels, der meist übersehen wird. In der Persönlichkeit von Menschen ist begründet, weshalb wir so unterschiedlich Themen wie Gesundheit und Fitness begegnen.

  • Einige Menschen Sport sehen als Bereicherung und Ausgleich, während andere ihn als einen weiteren lästigen und unangenehmen Termin empfinden.
  • Während einige vor allem ein geplantes und strukturiertes Training suchen, brauchen andere einen emotionalen Unterbau für Bewegung und besuchen Kurse im Fitnessstudio oder sind Mitglied in einem Fußballverein.
  • Mir bereitet es Freude, mein Essen abzuwiegen, weil ich neugierig bin und gerne Dinge messe. Andere sehen darin eine Einschränkung ihrer Lebensqualität, weil sie darin ihre Freiheit beschnitten sehen.
  • Meditation ist für einige ein wichtiges und sehr nützliches Mittel, um das Gehirn zu trainieren. Andere assoziieren Esoterik mit ihr und fühlen sich dabei albern.

Die Entwicklung der Willensstärke ist ein Aspekt im gesunden Lebenswandel, der sehr nützlich für alle anderen Maßnahmen in deinem Leben ist.

Es gibt viele mögliche Vehikel, um die Willensstärke zu trainieren. Ich habe hier als Beispiel mein Ausdauertraining gewählt, obwohl ich ähnliche Projekte in verschiedenen Bereichen meines Lebens hatte und weiterhin haben werde.

Ich will dir einen kurzen Einblick in die Geschichte meines Ausdauertrainings geben. Parallel zu dieser Ereignisgeschichte gibt es eine Theoriegeschichte. Das heißt, dass die Veränderung meines Trainings nicht nur von meiner Einstellung und den Umständen abhängt, sondern auch von den Paradigmen, die ich zum jeweiligen Zeitpunkt meiner Trainingstheorie zu Grunde gelegt habe. Hier ist also nur ein Ausschnitt der Geschichte offengelegt.

In diesem Beitrag beantworte ich eine Frage eines Lesers. Ich wurde gefragt, wie ich alles unter einen Hut bringe. Diese Frage wurde mir in verschiedenen Varianten oft gestellt. Sie zielt darauf ab, wie ich mich ständig überwinden kann, denn mein Leben wird für gewöhnlich als reich an Entbehrung und anstrengend gesehen.

Eigentlich ist es eine Huhn-Ei-Frage. Willensstärke kommt nicht herbeigezaubert und dann kann man auf einmal ganz viel Sport machen und isst keine Süßigkeiten mehr. Vielmehr ist sie ein Resultat von bewusster oder unbewusster Entwicklung.

Ich habe meine Willensstärke in einem jahrelangen Prozess bewusst entwickelt. Dieser Beitrag ist eine selbstkommentierte Reflexion auf mein damaliges Vorhaben.

Geschichte meines Ausdauertrainings

Als ich 16 war, habe ich mit dem Boxtraining angefangen. Es war ein ziemlicher Kaltstart, denn ich hatte lange Zeit keinen Sport getrieben und davor auch nur ein wenig Fußball und Tischtennis gespielt.

Die allerersten (!) Worte meines Trainers an mich waren "Heute wirst du sterben." Wenn ich so darüber nachdenke, dann klingt das nach einem von diesen Filmen über Kampfsport und die Entwicklungsgeschichte eines Pubertierenden und irgendwie war das auch so. Gestorben bin ich übrigens wirklich, zumindest hatte ich das Gefühl.

Dieser Trainer hat mich (und natürlich alle anderen) nicht nur an die Grenze geführt, sondern mich regelmäßig das Niemandsland jenseits meiner Grenzen erforschen lassen. Es war völlig normal, dass einige Trainierende während des Aufwärmens zum Kotzen auf's Klo gegangen sind und danach ohne weiteren Kommentar weitergemacht haben. Ich selbst habe viele Monate gebraucht, bis ich überhaupt zum boxerischen Teil des Trainings kam, ohne bereits das Gefühl zu haben, völlig am Ende zu sein.

Eine Praktik hieß übrigens "Sterben". Dahinter verbarg sich eine Einzelbehandlung durch diesen Trainer an einem Wandpolster. Es federte die Wucht des Schlages wieder zurück in Arme und Schulter, als ob es unsere Anstrengungen verhöhnen wolle. Währenddessen schreit dich der Trainer an, er könne eine Großmutter aus dem Grab holen und sie würde stärker schlagen. (Ja, das hat er wirklich gesagt, eigentlich wirklich geschrien) Er hat uns schallende Backpfeifen gegeben, wenn wir es gewagt haben die Deckung sinken zu lassen und uns durch Schläge auf den Solar Plexus an die Körperspannung erinnert. Das Training war extrem.

Nachdem ich einige Wochen beim Boxen geblieben war und gezeigt hatte, dass ich nicht zum Spreu gehörte, sagte mir mein Trainer, ich solle laufen gehen. Ich brauche Ausdauer.

Für einige Jahre bestand mein Ausdauertraining daraus, 6 oder 12 Kilometer so schnell, wie ich konnte, zu laufen. Ich hatte eine Runde, die mein Vater für mich mit dem Tacho seines Fahrrads abgefahren hat. Manchmal bin ich sie einmal gelaufen und manchmal zweimal.

Diese Strecke bin ich morgens vor der Schule, Nachmittags oder auch Vormittags anstatt Schule (diese war selbstverständlich langweilig). Ich habe auf dieser Strecke Wettrennen gegen Radfahrer gemacht und einige Fahrradtouren am Sonntag abgehängt (vornehmlich Rentner).

Im Sommer bin ich diese Strecke in der Mittagshitze gelaufen, um mich abzuhärten. Ich habe Wege gesucht diese Strecke so schlimm wie möglich für mich zu machen. Allerdings war eine meiner wichtigsten Motivationen die Aufrechterhaltung meines Selbstbilds als "harter Kerl". So ist das bei jungen Männern, oder war es wenigstens bei mir.

Nach einiger Zeit habe ich, durch die Wunderwelt des Internets, Crossfit für mich entdeckt. In Ermangelung echten Trainingsgeräts habe ich vor allem mit meinem eigenen Körpergewicht gearbeitet und kleine Trainingsgeräte gebastelt. Ich hatte beispielsweise eine Astgabel beiseite geschafft, während ich mit meinem Vater Holz für unseren Kamin gehackt habe. Diese habe ich getragen, geworfen und vieles mehr.

Wenn ich, seitdem, nach meinem Ausdauertraining gefragt werde, sage ich üblicherweise: "So ähnlich wie Crossfit."1

Im Wesentlichen kombiniere ich Intervall- und Zirkeltrainings.

Warum ist diese Geschichte wichtig? Ich will damit illustrieren, was meine Ausgangslage ist.

Gebrauch und Missbrauch liegen hier eng beieinander. Als ich mit dem Boxen angefangen habe, gab es eine enorme Abbrecherquote. Viele konnten den psychischen Stress nicht ertragen. Das ist ein wichtiger Mechanismus für einen Sport wie Boxen. So werden viele, die sich im Ring selbst gefährden würden, aussortiert. Doch der Preis ist das Gefühl des Versagens und ein Schaden am Selbstwertgefühl, welches bei Männern (wir hatten fast nur Männer) eng mit dem Durchhaltevermögen verknüpft ist. "Ein Mann zieht es durch."

Das Experiment

Vor einiger Zeit habe ich begonnen die Kohlenhydratzufuhr immer weiter zu senken. Ich hatte verschiedene Überlegungen angestellt, wie ich hohe Ausdauerleistungen vollbringen kann, ohne von einer äußeren Zufuhr von Kohlenhydraten allzu abhängig zu sein.

Ich habe folgende Elemente miteinander kombiniert:

  1. Intermittierendes Fasten (meine erste Trainingseinheit war immer gefastet)
  2. Eine zyklische, ketogene Ernährung mit einem Ladetag pro Woche.
  3. Intervalltraining mit Atemrestriktion (Gasmaske)

Währenddessen habe ich für den 500m-Rekord im Rudern trainiert. Das sollte der Test sein und gleichzeitig demonstrieren, dass es möglich ist, bei einer sehr geringen Kohlenhydratzufuhr eine Leistung abzurufen, die man eigentlich als glykolytisch (abhängig von Kohlenhydraten) bezeichnen würde.

Ich kann sagen, dass das Experiment für mich ein großer Erfolg war. Ich bin im Training eine 100m-Zeit von 13.7s gefahren. Wenn ich 100m Intervalle im Training fuhr, habe ich Zeiten zwischen 14.0 und 14.5 angepeilt. War ich langsamer, habe ich das Training abgebrochen.

Hier ist ein Video von der schnellsten Zeit.

Leider habe ich mich drei oder vier Tage später am Latissimus verletzt. Ich habe gleichzeitig für einen Klimmzugrekord trainiert und das war zusammengenommen etwas zu viel.

So ist aus dem Rekord nichts mehr geworden, weil ich umgezogen bin und seitdem kein C2-Rudergerät mehr zur Verfügung habe.

Aber, wie man so schön sagt: Hätte, hätte, Fahrradkette. Der Rekord ist nach wie vor ungebrochen.

Meine Trainingswoche sah zu dem Zeitpunkt so aus:

Wochentag Morgens Abends
Montag Krafttraining Intervall-/Zirkeltraining
Dienstag Krafttraining Rudertraining
Mittwoch Sprinten/Plyometrik Schnellkraft mit MedBall
Donnerstag Krafttraining Intervall-/Zirkeltraining
Freitag Krafttraining Rudertraining
Samstag Sprinten/MedBall
Sonntags Nach Laune Nach Laune

Während der Intervall- und Zirkeltrainingseinheiten fand dann das Training der Willensstärke statt.

Training der Willensstärke

Ich halte sehr viel vom Central Governor Model. Im Wesentlichen besagt das Modell, dass die momentane Muskelrekrutierung durch das Gehirn limitiert wird.

Das heißt, dass es nicht der Muskel ist, der dicht macht. Es ist vielmehr das Gehirn, dass irgendwann verhindert, dass wir mit gleicher Kraft und Schnelligkeit den Muskel kontrahieren. Das empfinden wir dann als Ermüdung mit all ihren Symptomen (Schwäche, Brennen usw.).

Wen diese Theorie interessiert, dem sei das Buch The Lore of Running von Timothy Noakes herzlich empfohlen. Es ist das beste Buch über Ausdauertraining, dass ich je gelesen habe.

Jedenfalls habe ich das Ausdauertraining als ein Gehirntraining verstanden. Die körperlichen Veränderungen wie der verbesserte Fettstoffwechsel und die vermehrten Mitochondrien sehe ich nach wie vor als Nebenprodukt des Gehirntrainings.

Wie nennt man das, wenn das Gehirn der Flaschenhals ist und man aufgrund von Gefühlen und Empfindungen nicht mehr weiter machen? Es ist nichts anderes als Willensversagen.

So habe ich nach Mitteln und Wegen gesucht meine Willensstärke selbst zu steigern, so dass ich in Folge dessen höhere Intensitäten erreichen kann, die wiederum als Nebenprodukt eine verbesserte körperliche Anpassungen haben.

Ich habe mein Ausdauertraining also auf den Kopf gestellt.

Wenn ich meine Willensstärke trainieren will, dann muss ich mich an einen Punkt bringen, an welchem meine Willensstärke auch wirklich einen relevanten Reiz erfährt. Das heißt, dass es sich - was immer ich auch tue, um sie zu stärken - schwer anfühlen muss.

Es gibt zwei Punkte, an welchen der Wille an seine Grenzen stößt:

  1. Wenn er zu lange beansprucht wird.
  2. Wenn er zu intensiv beansprucht wird.

Ein Beispiel für den ersten Weg wäre es einen sehr langen Lauf zu machen.

Doch Rüdiger Nehberg hat es in Die Kunst zu überleben geschrieben:

Man kann sich auch auf tausend Metern totlaufen.2

Und weiter schreibt er:

Denke beim fortgeschrittenen Training daran, daß du für einen Ernstfall übst. Nimm deshalb nicht nur bequeme Wege, sondern lauf auch querfeldein. Über Stock, Stein und Zaun, durch Pfützen, Dreck und Flüsse, bei Tag und Nacht, bei Wärme und Kälte. Wenn der Rucksack scheuert, weil du ihn nicht richtig aufgebunden hast, versuche, das zu ertragen. Auch , wenn die Haut durchwetzt. [...] Gern darfst du deinen Rucksack absichtlich schlecht packen oder zu weiteren Erschwerung ein Steinchen in den Turnschuh legen. Nur auf Blasen zu laufen ist noch schöner.

Es läuft darauf hinaus, etwas Unangenehmes ertragen zu können.

Ich habe den zweiten Weg gewählt und für den Weg der Intensität entschieden.

Zur Erinnerung, was ich zu diesem Zeitpunkt kombiniert habe:

  1. Intermittierendes Fasten (meine erste Trainingseinheit war immer gefastet)
  2. Eine zyklische, ketogene Ernährung mit einem Ladetag pro Woche.
  3. Intervalltraining mit Atemrestriktion (Gasmaske)

Besonders die letzten beiden Punkte in Kombination sind sehr schwer miteinander zu kombinieren. Gerade im Bereich Crossfit, wenn Menschen eine LowCarb-Ernährung den intensiven Zirkeltrainings kombinieren, kommt es häufig zu Übertrainingssymptomen und Problemen.

Doch gerade das war es, was ich suchte. Ich suchte natürlich die Grenzen des Aushaltbaren.

Zunächst habe ich angefangen mit der Gasmaske Tabata- und Zirkeltraining zu machen. Ich habe mich erstmal mit dem Gefühl vertraut gemacht, atmen zu wollen, aber nicht frei zu können.

Dann habe ich angefangen meine Strategie beim Ausdauertraining zu ändern. Normalerweise sollte man versuchen eine möglichst effiziente Strategie zu fahren. Das heißt, dass man sich am Anfang nicht tot macht, so dass man am Ende noch Luft hat mit einer guten Intensität die Trainingseinheit zu beenden. So kann man sich meistens am besten steigern. (Die Crossfit-Fans sehen dies in meisterhafter Form bei Rich Froning)

Ich wollte dagegen meine Willensstärke steigern. So habe ich meine Strategie geändert.

Fly and Die

Wenn ich beispielsweise 10min Burpees gemacht habe, habe ich etwas gemacht, was sich im Rudern Fly and Die nennt. Ich habe am Anfang so viele Burpees gemacht, wie ich nur konnte. Dann habe ich eine kurze Pause gemacht und wieder so viele Burpees, wie ich konnte.

Mit dieser Strategie konnte ich möglichst schnell an meine Belastungsgrenze kommen und konnte den Rest der Trainingseinheit länger an dieser Belastungsgrenze bleiben.

Ich habe angefangen mehrere Intervallabschnitte zu machen. Einige Trainingseinheiten sahen dann so aus:

  1. 20x30s Belastung, 30s Belastungspause
  2. 8x20s Belastung, 10s Belastungspause (Tabata)
  3. 8x20s Belastung, 10s Belastungspause (Tabata)
  4. 3-4x 20-30s maximale Ausbelastungen mit 1-2min Pause

Von einem Abschnitt zum nächsten hatte ich ca. 1-2min Pause.

Während dieser Trainingseinheit (eine davon ist mir besonders im Gedächtnis geblieben) durchlief ich ein breites Spektrum von Emotionen. Ich habe nicht die ganze Zeit einfach eisern durchgehalten. Hätte ich das gemacht, hätte ich meinen Willen nicht wirklich trainiert.

  • Ungefähr bei 3/4 des ersten Abschnitts hatte ich die ersten Gedanken an den Trainingsabbruch. Ich hatte schon eine schwere Trainingswoche hinter mir und sowieso schon den ganzen Tag geschrieben und gelesen. Gründe aufzuhören begannen sich aufzutürmen. Von den Gründen durchzuhalten blieb nur noch ein kleines Häufchen.
  • Nach 2-3 Intervallen des ersten Tabatas hatte ich den kurzen Impuls die Einheit abzubrechen. Eigentlich ist so ein Tabata für sich genommen ja schon eine Trainingseinheit. Ich begann das Aufgeben zu rationalisieren.
  • Während des ersten Tabata-Abschnitts begann ich zu zweifeln. War es das wirklich wert? Erste emotionale Unsicherheiten tauchten auf.
  • Während des zweiten Tabata-Abschnitts hatte ich das Gefühl mich entleeren zu müssen. Ich hatte Angst, dass ich mir einfach in die Hose kacke. Gleichzeitig macht ich mir Vorwürfe, dass ich mir bloß in die Hose machen würde, nur um mich vor einer Belastung zu drücken. Mein Selbstbild als "harter Typ" geriet ins Wanken.
  • Ich konnte phasenweise nichts mehr sehen. Mein gesamtes Blickfeld war eingenommen von der Zeitanzeige auf dem Gerät. Mehr konnte ich nicht mehr wahrnehmen.
  • Bei den letzten Intervallen des zweiten Tabatas bestand meine Welt nur noch aus Schmerz und Übelkeit. Aber ich hatte einfach hingenommen, dass das eben mein Leben ist. Unwichtige Teile meines Selbst hatten sich aufgelöst, ich fühlte mich aber seltsam bewusst, fast schon überklar.
  • Während der Ausbelastungen hatte ich ein Gefühl der Distanz, wie ich es eigentlich nur von der Meditation kenne. Ich beobachtete mich selbst, ohne zu werten. Ich fragte mich, wann ich eigentlich aufhören sollte. Ich hörte dann auf, als ich erkannt hatte, dass ich nichts mehr zu lernen hatte.

Nach dieser Trainingseinheit hatte ich 2 Tage lang Kopfschmerzen. Meine Gefühle waren dumpf, so wie sie nach einem schweren, emotionalen Ereignis dumpf sind.

Das sind die letzten Intervalle einer Trainingseinheit. Das ist der Erschöpfungszustand, den man nach einem Tabata-Intervall erreicht haben sollte.

Fly and Die - Was passiert in der Psyche?

Das Gehirn setzt die Prioritäten in jeden Augenblick immer wieder neu. Das heißt, dass langfristige Prioritäten immer mit kurzfristigen Prioritäten konkurrieren. Augenblicke, in welchen wir das Gefühl haben, dass wir unsere eigentlichen Ziele nicht verfolgen können und auf einmal nur noch reagieren, sind immer davon gekennzeichnet, dass die kurzfristigen Prioritäten gewinnen.

Das kann zum Beispiel dann passieren, wenn du unter starkem Stress leidest. Nach einem langen Arbeitstag voller Stress und beständigen Entscheidungszwängen ist der Akku leer. Die eigentlich anstehende Trainingseinheit wird dann zu einer psychischen Bedrohung, denn nach einem solchen Tag ist man im Notfallmodus: Energie wird gespart. Da fällt so eine Trainingseinheit aus, während du mit einem schlechten Gewissen zurückbleibst.

Im Verlaufe einer solchen Trainingseinheit sind die verschiedenen Stadien der psychischen Überlastung abzulesen:

  1. Stufe: Der erste Gedanke an andere Handlungsoptionen wird überhaupt gedacht. Man kann ja auch anders und diese anderen Optionen sind nicht so unangenehm.
  2. Stufe: Das Aufgeben wird als realistische Handlungsoption gesehen. Der Impuls einfach aufzuhören ist sehr stark.
  3. Stufe: Echter Zweifel. Gründe, den ursprünglichen Plan zu verfolgen, scheinen nicht mehr relevant. Eigentlich gibt es nur noch all die Ausreden als willkommene Auswege.
  4. Stufe: Körperliche Symptome setzen ein. Die Stressbelastung manifestiert sich körperlich. In meinem Fall durch das Gefühl gleich in die Hose machen zu müssen. Bei chronischem Stress kann vielerlei passieren. Haarausfall, Kopfschmerzen, Durchfall, Hautirritationen, Gereiztheit und Anderes kann durch Stress bedingt sein.
  5. Stufe: Meistens werden alle oben genannten Dinge noch einmal wesentlich intensiver. Gehirn und Körper versuchen die Notbremse zu ziehen.

Dies funktioniert nicht, wenn man sich in eine Situation wirft, aus welcher es kaum einen Ausweg gibt. Ich kannte diese extreme Form der körperlichen Belastung bereites aus dem Kampfsport. Doch der soziale Druck durch Trainer und Mittrainierende und alleine auch die Tatsache, dass jemand einem auf die Fresse schlägt, wenn man aufgibt, sind immer präsent und sind äußere Gründe durchzuhalten.

Der besondere Effekt tritt meiner Meinung dann ein, wenn alle Gründe den Schmerz auszuhalten aus dem Selbst kommen. Erst dann gibt es nichts weiter als den reinen Willen. Die produktivsten Trainingseinheiten waren diejenigen, die ich völlig alleine in meiner Wohnung absolviert habe.

Langfristige Entwicklung

Diese Art des Trainings habe ich einige Jahre meines Lebens gemacht. Es ist eingebettet in meinen Versuch meinen Charakter auf eine bestimmte Art zu bilden. (Es ging mir niemals einfach nur um Training)

Der Gedanken dahinter ist lebensphilosophisch entwickelt. Indem man Schmerz und Leiden trennt, kann man sein Bewusstsein reinigen. Was heißt das genau?

Schmerz ist zunächst eine Information und nichts weiter. Er kann sich unter Anderem in folgenden Formen äußern:

  • Körperlicher Schmerz
  • Hunger
  • Müdigkeit
  • Einsamkeit
  • Kälte
  • Traurigkeit

Das Leiden ergibt sich aus dem emotionalen Verhältnis, dass wir zum Schmerz haben. Während die einen auf körperlichen Schmerz mit Leiden reagieren ("Aua, das tut weh!"), reagieren andere mit Gleichgültigkeit ("Da muss man durch.") und einige sogar mit Genuss (Masochismus).

So, wie ich mein Training angelegt habe, könnte man es auch als eine Schmerztherapie sehen oder vielmehr Therapie durch Schmerz, wobei ich mich nicht aus einem krankhaften Zustand bringen wollte, sondern vielmehr in einen noch gesünderen Zustand.

Die Effekte sind für mich der Meditation extrem ähnlich, was vielleicht an dem Verhältnis von Schmerz und Bewusstsein liegt. Frank Herbert hat es in seinem monumentalen Roman Dune eine sehr schöne Passage geschrieben:

Wie das Bewusstsein sich der Umgebung anpaßt [...]. Unter Streßeinwirkung kann das Bewußtsein sich in zwei Richtungen hin entwickeln; in eine positive und eine negative; an- oder ausschalten. Man kann es sich als Spektrum vorstellen, dessen Extreme die Bewußtlosigkeit am negativen, äußerste geistige Tätigkeit dagegen am positiven Ende präsentieren. Wie das Bewußtsein auf Streßsituationen anspricht, hängt von der geistigen Ausbildung des betreffenden Individuums ab. - Frank Herbert in der Wüstenplanet3

Ich habe damals die große Ähnlichkeit zur transzendentalen Meditation und meinem Training gesehen und gewollt.

In mir haben diese Jahre eine starke Veränderung meines Charakters hervorgerufen. Viele Kanten meines Charakters haben sich geglättet. Mein Blick auf mein Leben ist klarer geworden und ich habe das Gefühl, dass mein Kontakt zur Welt und auch zu mir selbst direkter geworden ist. Über die Zeit habe ich sehr deutlich gespürt, wie ich mich gereinigt habe, wenn ich mir eine so schwammige und esoterische Ausdrucksweise erlauben darf.

Anwendung auf dein Leben?

Zuerst solltest du dir Relevanz für dich selbst klar machen. Dies ist eine nur eine Form der Entwicklung von Willensstärke und wahrscheinlich auch eine relativ extreme.

Willensstärke ist kein Zweck an sich. Sie ist ein Werkzeug. Ihre Rolle ist leicht verstehbar, wenn man das Verhältnis von Willensstärke und Gewohnheiten betrachtet.

Während Willensstärke die Ressource ist, sind Gewohnheiten der geschickte Umgang mit dieser Ressource.

Stell dir als erstes die folgende Frage:

An welchen Stellen in deinem Leben scheiterst du, weil dein Wille zu schwach ist?

Fertige eine Liste dieser Stellen an. Bei jedem Punkt der Liste solltest du dich fragen, ob der Einsatz von Willensstärke wirklich die beste Lösung ist. Kannst du diesem Problem nicht auch durch Cleverness lösen? Du wirst viele Dinge wahrscheinlich durch gute Gewohnheiten und ein paar Tricks lösen können.

  • Eine Klientin von mir hatte ein Problem mit impulsiven Lustkäufen. Sie hat von mir die Auflage bekommen, einen Proteinshake vor dem Einkaufen zu trinken. Das hat ihr Problem erheblich gedämpft und sie konnte von hier aus eine neue Haltung zur Ernährung entwickeln. (Der Proteinshake war keine dauerhafte Lösung)
  • Ein (relativ unsportlicher) Kumpel von mir wollte abnehmen. So bin ich mit ihm regelmäßig schwimmen gegangen. Weil ich ein relativ schlechter Schwimmer bin, habe ich mit ihm einen Wettstreit angefangen. So haben wir angefangen uns die Technik von einem ehemaligen Leistungsschwimmer zeigen lassen, sind regelmäßig um die Wette geschwommen und haben uns in allerlei Dingen im Wasser gemessen. Weil ich damals schon als relativ sportlich galt, war es ihm eine besondere Freude, dass er im Schwimmen mit mir konkurrieren konnte. Auch wenn das Abnehmziel nur schwach in seiner Glaubensstruktur verankert war, wurde das Schwimmen zu einem positiven Moment. Es war kein notwendiges Übel, sondern eine Gelegenheit das Ego zu polieren.
  • Ich habe eine ganze Weile die Lebensmittel für den Sonntag (=Schummeltag) nur am Samstag eingekauft. Ich habe phasenweise einen enormen Appetit und den Leckereien zu widerstehen hätte mich unnötig Kraft gekostet.

Wenn die Entwicklung von Willensstärke immer noch etwas ist, dass du als Vorhaben in Erwägung zielst, brauchst du dein eigenes Vehikel. Training ist nicht die einzige Methode.

Wim Hofs Methode nutzt Kälte als Vehikel. Er ist der Ice Man und an seinen 20 Rekorden kann man seine Willensstärke ablesen.

Einsamkeit ist eines der zentralen Vehikel vieler religiöser und spiritueller Praktiken. Siehe dazu auch unten empfohlene Buch von Foster.**

Meine Methode basiert darauf einen immer größeren körperlichen Schmerz zu ertragen.

Zusammengefasst kann man sagen:

Willensstärke entwickelt sich in dem Prozess, in welchem man lernt, dass Schmerz nicht identisch mit Leiden ist.

Literatur zum Verständnis

Es ist an dieser Stelle wichtig zu verstehen, dass diese Überlegungen keine rein psychologischen Überlegungen sind. Ich habe über diese Zusammenhänge mit philosophischem Werkzeug nachgedacht und im Nachhinein mit verschiedensten Perspektiven (darunter schließlich auch Psychologie) angereichert. Ich habe keine empirisch abgesicherte Therapiemethode angewendet, sondern mit teilweise sehr alten philosophischen und religiösen Texten gearbeitet und mich dann einfach einem Experiment hingegeben.

Ich will zwei Bücher nennen, von denen aus die Beschäftigung mit diesem Thema beginnen kann. Leider sind beide Bücher religiös motiviert. Das ist für einige (mich auch) eine Hürde, die zugrunde liegenden Prinzipien zu verstehen.

  1. Ich ging den Weg des Derwisch. Das Abenteuer der Selbstfindung von Reshad Feild. Es ist ein autobiographisches Buch über den Kontakt eines englischen Antiquitätenhändlers mit der sufistischen Lehre.
  2. Nachfolge feiern. Geistliche Übungen neu entdeckt. - Richard Foster. Das ist ein Buch über christliche Praktiken, wie Meditation, Fasten, Gebet, einfaches Leben, Einsamkeit und Ähnlichen.

Abschließende Worte

Ich denke, dass diese Antwort nicht ganz den Erwartungen entsprochen hat. Doch es ist eben, wie es ist. An dieser Stelle sind wir bei den tiefsten Gründe und Mechanismen für Verhalten angekommen.

Es geht um eine wirkliche Entdeckung des eigenen Selbst. An dieser Stelle scheitern viele, weil sie diesen Teil dem Zufall überlassen. Ich sehe es immer wieder: Diejenigen, die eine dauerhafte Veränderung in Fitness und Gesundheit erfahren, machen eine ebenso dauerhafte und entsprechend deutliche Veränderung ihres Selbst durch.

Ich messe den Erfolg eines Menschen daher daran, wie stark er sich selbst, den innersten Kern seines Selbst, verändert hat. Eigentlich ist eine körperliche Veränderung vielmehr die Manifestation einer spirituellen Reise.

Die Entwicklung von Willenskraft ist ein Werkzeug unter vielen.

Was ist ein spiritueller Mensch?

Ein spiritueller Mensch übernimmt Verantwortung für sein Sein und Werden, dass er durch seine Handlungen und Entscheidungen von Moment zu Moment erschafft.


  1. Eingefleischte Crossfitter werden sagen, dass, dass Crossfit sich nicht in den Zirkeltrainings erschließt.  

  2. Nehberg, R. & Horn, M. (1998). Die Kunst zu überleben, Survival. München: Piper., S.35 

  3. Herbert, F. (2001). Der Wüstenplanet. München: Heyne., S.427