9 Reaktionen

  1. Anna at |

    schönes Thema :-) ein paar unstrukturierte Gedanken von mir dazu…

    „Wie befremdlich ist der Gedanke, dir morgens einen Monolog anzusehen um deine Stimmung zu verbessern?“ Wenn ich mir morgens einen Monolog von Jay Leno ansehen müsste, würde ich mich erschiessen. ;-) Morgens TV oder youtube zu gucken wäre für mich total befremdlich. Ich finde, wenn jemand das Bedürfnis nach Kommunikation hätte, könnte er – jemand anrufen -morgens in der Bahn jemanden anlächeln – im Supermarkt/Zeitungsladen/Bäcker/Tanke oder wo man morgens sonst so hingehen kann, mit der Verkäuferin sprechen – jemandem texten – mit dem Nachbarn spazieren gehen. TV ist meiner Meinung nach die schlechteste Alternative, da es reiner Konsum ist.

    Ich erinnere mich dunkel an Untersuchungen darüber, dass sich Altenheimbewohner mit Computern „unterhalten“ haben. Obwohl die Menschen wussten, dass die Antworten programmiert waren, haben die Menschen sich besser gefühlt.

    Bei so einem TV-Monolog wäre mir trotzdem immer bewusst, dass ich allein bin, und ich würde mich noch schlechter fühlen. Wenn ich aber wüsste, dass ich xyz schreiben könnte und er/sie antworten würde, wäre das was anderes. Dann würde mich die Erwartung eines Ausstauschs schon motivieren.

    Was mich morgens beim Aufstehen motiviert sind schöne Sachen, von denen ich weiss, dass sie bald stattfinden.

    Morgens will ich was tun, nicht konsumieren. Ich will erstmal alles erledigt haben und dann gucke ich abends was, zum Entspannen. Dabei gehts aber eher darum, dass ich was Neues erfahre. Ich höre dann auf Youtube Infovideos und spiele dabei ein anspruchsloses Browserspiel. Normalerweise lese ich lieber, weil ich dann die Infos schneller aufnehmen und auch mal vor und zurückspringen kann, aber abends finde ich so ein Berieselnlassen mal ganz nett.

    Eine TV-Sendung würde meine Stimmung ausserdem zu stark lenken. Ich will morgens bei mir bleiben. Und ich merke, dass ich schlechte Laune bekomme, wenn ich TV gucke. Wahrscheinlich weil ich mich unbewusst vergleiche oder ich mich über Stuss von anderen Leuten ärgere.

    Etwas anderes ist es, wenn es eine echte Person ist, zu der ich eine Beziehung habe. Ich freu mich morgens immer auf meine Kollegin. Wenn sie mal nicht da ist, ist das echt schade. Wir quatschen eigentlich über total belanglose Dinge.

    Und ich freu mich über jeden, der mir in der Bahn oder der Stadt ins Gesicht guckt und ich spüre, dass ich wahrgenommen werde.

    Ich hab mal Lehramt studiert. Schockierend, wieviele Lehrer später ausgebrannt sind. Kinder sind super, in der ersten Klasse fragen sie beim Hausaufgabenaufgeben noch: „Oh, dürfen wir die nächste Aufgabe auch noch machen?“. Schade, dass das irgendwann nachlässt. Ich finde es auch gruselig zu sehen, wie Kinder am Arm ihrer Eltern hängen und Aufmerksamkeit wollen, während die Eltern aufs Smartphone gucken und die Kinder ignorieren.

    „Welche Argumente sprechend außerdem dafür, dass Soziales in den Bereich der Kognition oder der Ruhe gehört?“ Ich finde es schwierig virtuell zu kommunizieren, weil ich oft das Feedback über die Mimik brauche, wenn ich jemanden nicht persönlich kenne und ich nicht einordnen kann, wie das, was ich schreibe ankommt. Kommunikation hat ja immer mehrere Ebenen: Apell, Information, Beziehung, Selbstoffenbarung (Schulz von Thun).

    Mich können Gespräche extrem anstrengen, wenn ich die Person nicht mag oder gar nicht einschätzen kann. Dann hab ich lieber meine Ruhe. Andere Menschen ziehen da Kraft raus, mit allen möglichen Leuten zu quatschen. Hat sicherlich mit mit Intro- und Extroversion zu tun.

    Sprechen mit Fremden gehört für mich nicht zur „Ruhe“, es laugt mich aus. Du hattest geschrieben, dass Kommunikation „Empathie, Rücksicht und Kognition“ bedeutet. Wenn ich jemanden noch nicht kenne, muss ich ganz viel auf die Körpersprache und die Mimik achten, um das Gesagte richtig einordnen zu können. Ausserdem prüfe ich, ob das, was ich gesagt habe, bei dem Gegenüber auch richtig angekommen ist. Das fällt bei Menschen, die ich kenne, zum großen Teil weg. Je unreflektierter das Gegenüber ist, desto mehr Arbeit muss ich investieren, wenn ich einen vernünftigen Austausch möchte.

    Andererseits macht es mir manchmal Spass jemanden aufzuheitern, wenn ich merke, dass er/sie schlechte Laune hat. Das kann auch mal die Verkäuferin an der Kasse sein, die ich versuche zum Lächeln zu bringen. Das kommt aber auf meine Tagesform an, ob sich selbst noch genug Energie habe.

    Schön finde ich Unterhaltungen, wenn ich jemanden gut kenne und ich weiss, dass ich offen sein kann und ich spüre, dass der andere mich versteht bzw. nachfragt und es keinen Zeitdruck gibt. Und wenn es was zu Lachen gibt.

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    1. Sascha Fast at |

      @Anna: Mein Geschmacksurteil ist genauso wie deines. Ich finde die Vorstellung irgendwie befremdlich sich morgens Gesichter anzusehen, um meine Laune zu manipulieren. im Verlaufe dieses Beitrags habe ich mich dann gefragt, inwiefern ich vielleicht einfach altbacken bin.

      Für mich ist mittlerweile eindeutig, dass Soziales in den Bereich der Kognition fällt, gerade weil ich den Vergleich mit Sport gut finde. Wenn du einen leichte Dauerlauf oder Spaziergang machst, dann ist das unglaublich entspannend, aber ist nach wie vor Bewegung. So ist ein gutes Gespräch oder auch körperliche Nähe sehr wohltuend, aber trotzdem eben noch Aktivität.

  2. Sigrit at |

    Oh, bei den Kindern die Aufmerksamkeit wollen, während die Eltern aufs Smartphone starren, fühle ich mich angesprochen… ;-)

    Ich glaube, es hängt auch viel mit dem Grundcharakter zusammen. Und der Lebenslage. Ich bin zB. eher ein Einzelgänger. Ich brauche direkt nach dem Aufstehen echt niemanden um mich. Immer schon. Da finde ich Radio und Co. fast besser, weil da muss ich nicht lächeln oder reagieren.

    Es stimmt, dass Kinder wahnsinnig viel Energie rauben. Diese Eltern, die ins Smartphone schauen, die tanken mMn auf. Flüchten kurz wo anders hin. Weggehen können sie ja nicht. Es kann durchaus sein, dass dieses Auftanken am Smartphone, dieses andere-Gedanken-kriegen, das Kind davor bewahrt in der nächsten Minute entnervt angeschrien zu werden. Zumindest falls es den Erwachsenen kurz in Ruhe Smartphonen lässt. Ich gebe zu, es schaut wirklich blöd aus. Deshalb ist mir mein Buch oder Häkelzeug auch lieber als das Smartphone (zumindest schaut es weniger herzlos aus).

    Zurück zu den Fragen: Ob soziale Interaktion zur Ruhe oder Kognition gehört, ist mMn eine Frage der Interaktion selbst – wer, was, wie… Mir fallen allerdings mehr Beispiele dafür ein wie anstrengend es ist. Was aber vermutlich auch daran liegt, dass ich kleine Kinder habe. Da sehnt man sich nach Ruhe, bekommt sie aber nicht einmal in der Nacht (gut, es wird besser, aber manchmal frage ich echt, warum die Natur das so eingerichtet hat – dann lese ich Renz-Polster, der in wunderbarer Weise erklärt wie wunderbar fit Kinder evolutionär gesehen sind, und kenn mich wieder aus – nur das Dorf, dass es zum Aufziehen der Kinder braucht, vermisse ich manchmal…).

    Gegen Monologe in der Früh hab ich nichts, solange ich nicht mitbekommen muss worum es geht oder Anteil nehmen muss. Aber vielleicht ist das in ein paar Jahren auch wieder besser…

    GlG, Sigrit – die sich demnächst meldet ;-)

    Reply
    1. Anna at |

      Hi Sigrit, hmh, ja ich mach‘ mir das leicht … keine Kinder haben und dann auf Eltern rumhacken. :-)

    2. Sascha Fast at |

      @Sigrit: Ich sehe diesen Erziehungsstress an meinem Bruder und seiner Tochter. Es ist wirklich schade, dass wir kein Dorf mehr für die Erziehung haben. Ich bin oft versucht ihn zu belehren (obwohl ich selbst keine Kinder habe), aber als Onkel habe ich einfach eine ganz andere Rolle für die junge Dame als mein Bruder.

      Ich glaube, dass gerade hier eine Umwertung des sozialen Kontakts wichtig ist. Ich habe eine Zeit lang einen Autisten mit geistiger Behinderung und Epilepsie betreut. Während viele dies als Stress und unglaubliche Belastung empfunden haben (er war außerdem noch extrem gewalttätig, weil er sich oft nicht anders ausdrücken konnte), hatte ich die meiste Zeit einfach Spaß mit ihm. Wenn er sauer war, habe ich Spaßkämpfchen gemacht (für ihn war es wohl ernst) und wenn er sich beim Essen eingesaut hat, habe ich mich kaputt gelacht.

      Ich lehne mich wohl zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass das auch bei Kindern geht. Ich glaube aber, dass das ein Trick ist um mit dieser krassen (Über-)Belastung klarzukommen.

    3. Anna at |

      In deinem Beispiel mit dem Autisten mag diese Einstellung funktionieren, da ihm bestimmte Grenzen gesetzt sind, über die man hinaus nichts erwartet. Ich denke, bei deinen Kunden wirst du sicherlich nicht so eine lockere Einstellung haben. (Was erwartest du eigentlich von deinen Kunden? Sollten die eine hohe Grundmotivation mitbringen oder ist es für dich eine Herausforderung sie zu motivieren?) Für mich war die Arbeit mit Kinder besonders schwierig, gerade weil es Kinder waren und ich als Erwachsene viel Verantwortung übernommen habe, und ich mit ihnen auch etwas erreichen wollte. Ich habe mir viele Gedanken gemacht, ob ich alles richtig gemacht habe oder ob ich was noch hätte besser machen können. Später habe ich mit Kunden Kontakt gehabt, das war einfacher, denn ich konnte mir sagen „Die sind erwachsen, die sollten wissen was sie tun.“. Ausserdem baut man ja zu Schülern mit der Zeit auch eine Bindung auf, während Kunden wechseln.

    4. Sascha Fast at |

      Ich bin mit meinem Autisten natürlich nachsichtiger gewesen, aber ich nehme mir nichts zu Herzen. Das bringt einfach nichts. Ich nehme meine Klienten insofern für voll, als dass mit ihnen Vereinbarungen treffe und vorher genau klar mache, was sie von mir zu erwarten haben.

      Wenn jemand einfach nur einen Ernährungplan haben will oder eine Analyse, mache ich nur das. Wenn jemand eine wirkliche Unterstützung beim Lebenswandel haben will, arbeite ich eine Strategie aus, welche der Klient einsichtig verfolgen will und sich diese auch zutraut.

      Allerdings habe ich die Zusammenarbeit mit meinem allerersten Privatkunden selbstständig beendet, weil er sich nicht an gemeinsame Vereinbarungen gehalten hat. Dann ist das einfach nicht produktiv und ich sehe mich selbst dann als Geldverschwendung an. Ich habe bisher aber sehr viel Glück mit meinen Klienten gehabt, denke ich.

  3. Erik at |

    Richtig geiler Artikel! Diese Verschmelzung von Philosophie und harter Biochemie gefällt mir wirklich und ich denke auch immer mehr in diese Richtung. Viele psychologische-geistige Umweltreize manifestieren sich (wechselseitig) in gewisser Weise im Körper, auch wenn uns nicht immer die Messinstrumente zur Verfügung stehen, dies nachzuweisen. Alleine zu wohnen macht meiner Meinung nach auf Dauer genauso krank wie – wenn nicht schlimmer als Rauchen. Ich glaube, dass wir motiviert sind, weil wir auf der Suche sind, unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Wenn das Bedürfnis befriedigt ist, sind wir nicht mehr motiviert. Fressen und dann zum Sport? Ne man! Solange wir die Bedürfnisbefriedigung deshalb nicht unmittelbar machen (morgens Hunger – Frühstücken statt Bewegen, sexuelles Bedürfnis – Porno statt rausgehen etc.), haben wir keine Motivationsprobleme, viele Sachen anzugehen, wachsen daran auch noch und entwickeln uns deshalb auf Dauer extrem weiter (sodass wir immer besser Hindernisse zur Bedürfnisbefriedigung bewältigen können), besiegen besser unsere Ängste, sind dadurch sehr zufrieden und motiviert zugleich, fühlen uns wohl etc. Homo Sapiens ist ein Tier, welches (ab dem Alter von 5, 6) in die Zukunft blicken kann und dies auch tun sollte, denn die nachhaltige Belohnung ist sehr groß :).

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    1. Sascha Fast at |

      Belohnungsaufschub ist einer der ganz großen Erfolgprediktoren in der Entwicklungspsychologie. Im Grunde wird alles zu einem komplexen Begründungszusammenhang ohne Grenzen zwischen Psyche, Körper und Zelle.

      Deine These bezüglich des alleine Wohnens halte ich für sehr plausibel. Freundschaft und Liebe im Leben sind wichtigere Faktoren für die Gesundheit als Ernährung und Bewegung.

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